ARCHIV FÜR ELSÄSSISCHE
KIRCHENGESCHICHTE
BEGRÜNDET UND HERAUSGEGEBEN VON
JOSEPH BRAUNER
SEC1 [ZEHNTER JAHRGANG
19 4 3
SUTTER & C IE - RIXHEIM (Eisass)
Inhalts-Ucbersicht
VII
Inhalts-Uebersicht
Translationen römischer Reliquien ins Eisass im neunten Jahrhundert.
Von Wilhelm Hot zeit . 1-18
Die Translation der hhl. Sergius und Bacchus nach Weisscnburg durch Erz¬
bischof Otgar von Mainz 2-9
Die Reliquienschenkungen Papst Leos IV an Kaiserin Irmgard für Kloster
Erstein 9-15
Erzbischof Rabanus Mau ms von Mainz und der Leib des hl. Thcodnlus in
Klingenmünster 15-18
Der romanische Bildpfeiler auf dem Odilitnberg. Eine Deutung von
Robert Will . 19-28
Rätselhafte Prälaten des Ilochmittclalters im Slrassl»arger Domkapitel
1197-1259. Von Joseph M. B. Glauss . 29-U
CuDradus custos, der Besteller des Speierer Evangeliars. 1107-1259: 29-88
Bertholdus prepositus Aquileiensis 1209-1259: 38-42
Conrndus archidiaconus Aquileiensis 1228-1237: 42-13
Anhang. Domdekan Konrad von Speier, Bischof von Hildcsheim, gestorben
1248 : 43-44
Die selige Luitgard von Wittichen (1292-1319) und der Einsiedler von
Rappoltsweiler. Von Medard Barth . 45-54
Luitgards und ihres Klosters Wittichen Beziehungen zu Strassburg und
zum Elssas 45-48. 51-54
Ein unediertes Sendschreiben des Einsiedlers von llappoltsweilcr an die
selige Luitgard 48-31
Das ABC des Geistes von Bruder Thomas. Ein Strassburger Traktat
über den Hausrat von Klosterfrauen. Eingeleitet und herausgegeben
von Florenz Landmann . 55*60
Krankenpfleger- und Gesinde-Ordnungen des Grossen Spitals zu Strass¬
burg aus dem 15. Jahrhundert. Von Jakob Gabler . <17-100
Die Ordnungen der Schwestern und des Siechenknechtes 68-75
Die Dienstanweisung für den Totengräber 75-83
Ordnungen der untergeordneten Angestellten 83-99
Das Gutachten der Pfleger über die Zustände im Grossen Spital vorn Jahre
1504: 99-104
Die St. Sebastianus-Bruderschaft an St. Martin in Slrassburg. Ihr Ver¬
hältnis zu Sebastian Brant. Von Florenz Landmann .... 107-128
Sebastian Brant und die Patrone der Bruderschaft 108-115
Zweck und Charakter der Bruderschaft 115-119
Aktenstücke 119-128. Zwei Textabbildungen
Lothringische Kriegsfahnen im Strassburger Bischöfekrieg 1592. Von
Paul Martin . 129-184
Mit zwei Textabbildungen
Religiös-sittliche Verfassung und Reformbestrebungen im Weltklerus des
Eisass am Vorabend des Dreissigjährigcn Krieges. Von Joseph
Schmidlin . .
I. Erneuerung von Domstift und Kurie im Bistum Strassburg 135-150
]. Verlegung des Domkapitels und des Hohen Chors nach Molsheim
130-144
2. Einrichtung eines Consilium ecclesiastic im in Mölsheim 144-148
3. Verbesserung des Konsistoriums 148-149
4. Die baslerische Kurie in Altkircb 149-150
II. Errichtung von Diözesan-Seminarien 150-101
1. Das Basier Seminar in Pruntrutt 151-155
2. Das Seminarium Carolinum in Molsheim 155-159
3. Das Seminarium Leopoldianum und die Akademie in Mölsheim 159-161
III. Sittliche Zerrüttung im Klerus und ihre Bekämpfung 101-176
1. Die Loge in der Diözese Basel (Ober-Elsass) 103-170
2. Zustände in der Diözese Strassburg (Unter-Elsass) 170-170
IV. Bischöfliche Visitationen 170-188
1* Visitationen in der Diözese Basel (Ober-Elsass) 177-185
2. Visitationen in der Diözese Strassburg (Unter-Elsass) 185-188
V. Reformversuche in den Kollegiatstiften 189-203
1. Die unterelsässischen Stifte 189 198
2. Die oberelsässischen Stifte 198-203
Das Inventar der Pfarrkirche St. Georg von Schlettstadt aus dem Jahre
1019. Von Joseph Walter .
Aus dem Briefwechsel des Abtes Placidus Räuber von Schwarzach (1649-
1600) mit der Bursfelder Kongregation. Von P. Paulus Volk
Visitationsberichte des Bistums Strassburg vom Jahre 1G66. Von
Medard Barth ..
Zur Einführung 223-227. Die elsässischcn Landkapitel Molsheim, Schlett¬
stadt, Rheinau, Markolsheim, Unter-Hagenau, Ober-Hagenau, Benfeld, Bru¬
derberg, Bettbur-Zabern 227-256. Verzeichnisse der Pfarreien und der Heiligen-
Patronate 256-258
Wetterschutz und Wettersegen im Eisass. Von Alfred Pfleger
Blitzabwehr am Strassburger Münster und an der St. Georgs-Kirche in
Hagenau. Kirchliche Benediktionen und deutsche Wettersegen. Wetterläuten
und Wetterglockcn, Volkstümliche Schutzmittel und weitere Sakramentalien.
Zwei Textabbildungen
Zur Geschichte des Kapuzinerklosters Oberchnhcim. Von P. Arclia n-
gelus Sieffert .
Berufung der Kapuziner (1620) 273-275. Der erste Klosterbau 275-27»
Schicksale während des Schwedenkrieges 279-281
Zweite Berufung und Neubau von Kirche und Kloster (1349) 281-285
Das I-eben im Kloster 285-200
Kapuziner, die aus dem Klosterbezirk stammen 290-195. Die Auflösung
des Klosters in der Revolution (1791) 295-300. Zwei Textabbildungen
Herkunft Franz Anton Brendels und sein Lebenslauf bis zur konstitu¬
tionellen Bischofswahl 1791. Von Karl Schillinge] 1 ...--
Herkunft und Familie 803-310. Jugend- und Studienjahre 1735-1761: 31 1-313
Kgl. Pfarrer in Sulz unterm Wald 1761-1765: 314-318
Münster- und Kontroversprediger in Strassburg 1765-1769: 318-320. Professor
des Kirchenrechts in Strassburg 1769-1791: 320-324. Zur Charakteristik des
Professors 324-328
Naturalisation in Frankreich und Anwartschaft auf ein Kanonikat 328-331
Anhang- Die elsiissischen Nachkommen der Familie Brendel 332-342
135-20*
205-213
215-222
223-258
259-272
278-800
301-3*2
VIII
Inlialts-Ucbersicht
Elsiissische Korrespondenten des Fürstabtes Martin (icrbert von St.Blasien
1784-1791. Von Arthur Allgeier ... 8-13-350
Zur Kirchengeschichtc der Jahre 1790 bis 1810. Von Georg Fritz 351-888
Der Entchristliehungssturm im Spätjahr 1703 und der Brief dos konstitu¬
tionellen Bischofs Gobel vom 13. Frirnaire II (2. Dezember 1703) 351-367
Das Breve Pastöralis soliieitudo vom 5. Juli 1706 und der Brief des Bischofs
des Departement des Vosges Maudru vom 20. Germinal VI (0. April 1798)
308-372
Der kirchliche Frieden nach Abschluss des Konkordates und die Briefe
des Strassburger Bischofs Saurinc vom 10. Mai 1803 und 22. Februar 1804 :
373-384
Die Regelung des Kirchenfabrik wesens durch Dekret vom 30. Dezcml>er
1800 und das Zirkular des Strassburger Ordinariates vöm 80. August 181o:
384-887
Zwei Bauwerke der Romanik im Eisass. Von Karl Czarnowsky 3H9-390
Die St. Nikotauskupeitc von Niederottrott 380-393. Der Turm der Pfarr¬
kirche von Mommenheim 303-303. Fünf Textabbildungen
Rcliquienaltäre im Eisass. Ein Beitrag zur Geschichte des christlichen
Altars im Mittelalter. Von R o b e r t Will . 397-418
St. Richardis in Andlau 300-401. St. Adi’ljjhus in Nciiweiler 402-403.
St. Sophia in Eschau 403-403. St. Urbanus von Erstein 407-408. Der Ueliquicn-
altar von Niedermünster 408-410. Das St. Odiliengmb auf dem Odilicnherg
410-413. St. Arbogast in Strossburg-St.Michael 413-414. Sl. Adelheid in Selz
413-413. Das .Heilige Grab» um Strassburger Münster 410-417. Sieben
Textabbildungen
Reformversuche im Dominikanerinnenkloster St. Katlmrina zu Strass¬
burg 1192-1493. Von Karl Wittmer .. 419-425
Kleine Beiträge
Zur Gründung der Pfarrei Durbach. Von Hermann G i n t c r ■ .. 214
Zur Strassbnrger Herkunft der Legend» aurea von 13(12, Cgm (1 in
München. Von Joseph Brauner . .
<-
Gesamt-Register des Archiv für Elsüssischc Kirchengcsehichtc, Jg. 1-lU.
Von Andreas Marzcll Burg . 427-440
Chronologische Uebersicht 427-438. Namen- und Sachregister 438-440
Translationen römischer Reliquien ins Eisass
im neunten Jahrhundert
Von Wilhelm Hotzelt
Die Reliquienerwerbungen der Klöster Weissenburg, Erstein
und Klingenmünster gehören nicht mehr in die klassische Zeit der
Reliquienübertragungen aus Rom ins Frankenreich, da man ganze
Leiber der Märtyrer aus den Katakomben holen konnte. Einmal
waren die Begräbnisstätten Roms schon ganz ihres bekannten
Bestandes beraubt, eine erhebliche Anzahl Leiber ist dabei nach
Norden gegangen. Silvester, Quirinus, Arsatius, Tertullinus, Can¬
didus 1 , Vitus, Alexander, Hippolytus, Gorgonius, Sophia 2 sind
die bekannteren Heiligen, die im achten Jahrhundert den Weg
aus den Katakomben ins Frankenreich antraten. Im neunten
Jahrhundert folgten Sebastian, Gregor, Marzellinus und Petrus 3 ,
Alexander und .Tustinus*, Felizissimus und Agapitus 5 . Nur ganz
Auserwählte, die über die nötigen Beziehungen in Rom verfügten,
konnten hoffen, den ganzen Leib eines Märtyrers zu erhalten.
Wie dabei nicht selten auch zweifelhafte Mittel angewendet
werden mussten, um zum Ziel zu gelangen, zeigen nicht nur die
1 Wilhelm Hotzelt, Translationen von Martyrerreliquien aus Rom nach. Bayern im achten
Jahrhundert, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner
Z-veige hrsg. von der Bayerischen Benediktinerakademie, München 53(1935) S.288 (Silvester
in Nonantula), 289-311 (Quirinus von Tegernsee und Arsatius von Ilmmünster), 816-320
(Tertullinus von Schlehdorf) und 336-343 (Candidus von Innichen).
* Wilhelm Hotzelt, Translationen von Martyrerleibem aus Rom ins westliche Franken-
reich im achten Jahrhundert (Die Translation der hh. Vitus, Alexander und Hippolytus durch
Abt Fulrad von St. Denis, der hh. Gorgonius, Nazarius und Nabor durch Bischof Chrodegang
von Metz, der hl. Sophia durch Bischof Remigius von Strassburg), in: ArchfElsKg 13(1938) 1-52.
» Die Translationen sind seit Jahren ausgearbeitet, haben aber bis jetzt keine Veröffent-
lichungsniöglichkcit gefunden. Ueber die Translationen von Marzellinus und Petrus handelt
kurz die aus Anlass der Auffindung und Konservierung der von Einhard gebauten Gruft
in Seligenstadt erschienene Schrift von A. Schuchert, Die Gruftanlage der Märtyrer Marzellinus
und Petrus zu Rom und zu Seligenstadt am Main, Mainz 1938, 1-5.
4 Der im ArchfElsKg 13(1938) 13 Anm. 6 angekündigte Aufsatz von Wilhelm Hotzelt,
Cornelius und Cyprian. Alexander und Justimis in Freising, in: Studien und Mitteilungen
zur Geschichte des Benediktinerordens 56(1938), erscheint erst nach dem Kriege.
6 Wilhelm llotzelt, Felizissimus und Agapitus, in: Zeitschrift für bayerische Kirchenge¬
schichtc 10(1935) 84-00.
ABK 16
1
41
Joseph M. B. Claim
Ueber seine Herkunft wissen wir nichts Sicheres. Zwar nennt ihn der Verfass«
der Origines Guelficje (HI, 227) einen Edlen von Reifenberg in der W< tterau in
Hessen, aber ohne Beleg und n&here Begründung, und so bleibt die Zugehörigkeit
zweifelhaft. Zur Vollendung seiner theologischen Studien ging er nach Paris, wurde
hier Magister und Professor 1 , dann Domdekan in Speicr (urkundlich zuerst 1210 er¬
wähnt) und Scholastikus in Mainz. Anfangs Mai 1210 erscheint er als Capcllanus
papse et poenitentiarius (päpstlicher Hausprälat und Beichtvater) in Rom und
wurde so an derKurieob seines Wissens und seiner Beredsamkeit bekannt.Schon ULS
und 1219 hatte ihn der Papst als Kreuzzugsprediger und zu verschiedenen Rechts¬
geschäften verwandt. Godfried von Köln rühmt von ihm: Inter predieatores singu¬
lärem locum habebat. Drei Schreiben richtete Papst Honorius III an ilm*. I
Als er in Hildesheira die Abdankung des greisen Bischofs Siegfried sur all¬
gemeinen Zufriedenheit regelte, wählte ihn das Domkapitel Anfangs Juli 1221 zu
dessen Nachfolger 1 , was Papst Honorius IH am 8. September bestätigte. Am 18.
September 1221 weihte ihn der Mainzer Metropolit zu Erfurt. Auchals Bischof übte er
eine segensreiche, umspannende Tätigkeit aus. Noch 1221 musste er als Kreuzzugs¬
prediger auftreten, 1282 gegen die Stedi.iger, 1241 gegen die Tartaren. Papst Gre¬
gor IX beauftragte ihn mit der Beendigung des Prozesses zur Heiligsprechung der
heiligen Elisabeth von Thüringen, die am Pfingstfest 1285 vollzogen wurde. Eine
besondere Freude mag es für Bischof Konrad gewesen sein, das Jahr darauf zu Mar¬
burg mit den Erzbischöfen von Bremen, Köln, Mainz und Trier in Anwesenheit
Kaiser Friedrichs H an der Erhebung der Gebeine der Heiligen teilzunchmen.
Von Arbeit und Alter gebeugt, resignierte Bischof Konrad mit Bewilligung des
Papstes* zwischen dem 28. und 81.0ktober 1246 und zog sich zuletzt in das (Jistcr-
zienserkloster Schönau bei Heidelberg zurück, das er von seinem Aufenthalt in
Speierkannte und dem er 1218 und 1220 schon Weinberge vergabt hatte. Hier starb
er am 14. Juni 1248* hochangesehen eines heiligmässigen Todes*. Er erhielt seine
Grabstätte im Chor nahe beim Hochaltar. Und glücklicherweise fand manlöBl beim
Bau eines Hauses im Keller seine Gebeine mit der einfachen, im 15. Jahrhundert
erneuerten Grabplatte, darauf Bischofsstab mit der Umschrift v aufgeliist): 124s
19. kal. junii obiit dominus Conradus quonlam dccanu> Spirc.isis ecclesiie, posten
scolasticus Moguntinus, fanden Episcopus Hildeshcmc.isis, doc-or predicator
vir totus T clcmens ac pius 1 ,
1 Chronicon episeoponim Hildeshrmtnaium, Contlmmio 1079-1472. MG. SS. VII 860.
Nichts bringen auHallenderwdae P.F4ret, La FaculM de thCologie et sei docteura lei nitre
cdtbres de 1 Univeiait* de Paris. Moyen-äge 1894, 4 Bde. und P.GIorieux.Rfpertolre des mattrea
de thöologie de Paria au 18«siiele, Paris 1988. * Hulllard llrthollesI- 2 , 788; 11-1, 82 .
1 Vgb Bienemann, Conrad von Scharfenberg #8-99. * MG. Epiat. Pontif II 182
■ Adolf Bertram, Geschichte des Bistums Hildrsheim, 1. Bd. Hildeshelm 189»’ 248* gibt
das Datum: 18. Dezember 1249. Kloster Schönau bezeichnet er nicht näher, obwoh“ «a
in Deutschland mehrere Klöster des Namens gibt; siehe Lexikon für Theologie und Kirche
IX, 808 f. Der Bischof darf nicht mit seinem gleichnamigen Vorgänger, Konrad I 1104-1198
verwechselt werden; vgl. oben S. 86. Sr]
• MG. SS. VII, 840 f. Lexikon für Theologie und Kirche VI, 14S (kurz aber gut). Zeit,
schrift de* historischen Vereins für Niedersachsen 188», 4 ff (nur die AmUzeit betr.l H. llooge-
weg, Bischof Konrad H von Hildeaheim als Reichsfürst, Hannover 1809. Bertram I, 220-245
Bienemann, Conrad von Scharfenberg 98 f. 128 n. 4.
■ ’ PfarrfUhrer durch die (katholische) Pfarrgemeinde Schönau 1940, S. 30u-40n mit Abbil¬
dung des Grabsteins. Der Textseh hiss wird Irrig ab «predlcator Iuris totiuas gelesen waa
natürlich keinen Sinn gibt. ’ M
• Nachträglich sehe ich, dass Budinszky, ihn schon 1876 richtig erkannte, allerdings
ungenügend und kurz in nur sechs Zellen. Alex. Budinszky. Die Universität Paris und die
Fremden an derselben im Mittelalter, Berlin 18T«, 128. Betr. des Todestages siehe auch
MG. SS. VII, 861 und XIII V 748. ^
• W\'J
Die selige Luitgard von Wittichen (1292-1349)
und der Einsiedler von Rappoltsweiler
Von Medard Barth
Als erfreuliches Zeichen muss es betrachtet werden, dass
sich die neueste Forschung 1 wiederum mit der seligen Luitgard von
Wittichen befasst, einer Schwarzwälderin, deren Leben und Wir¬
ken in ganz ausserordentlichen Bahnen verlief 2 . Die Bedeutung,
die ihr im Bereich der Mystik zukommt, trat ins helle Licht
erst dann, als der badische Historiker Mone im Jahre 1863 die
älteste Lebensbeschreibung Luitgards herausgab und die darin
vorkommenden Angaben und Tatsachen in einer Gesamtschau
der das ganze Oberrheingebiet berührenden mystischen Bewegung
würdigte 3 . Sechzehn Jahre später führte der von Strassburg gebür¬
tige protestantische Professor Jundt die Ekstatiker in Luitgard
mit Erfolg in die theologische Literatur Frankreichs ein 4 . Wenn
ihr Name auch in der Geschichte der Herz-Jesu-Verehrung des
1 Zur Orientierung über Quellen und Literatur vgl. Albert Krieger, Topographisches
Wörterbuch des Grossherzogtums Baden, 2. Bd.‘Heidelberg 1905,1486 f. Ludwig Heizmann,
Das Frauenklösterlein Wittichen, Amt Wolfach im Kinzigtal. Zum sechshundertjährigen
Gründungsjubiläum, Bühl (Baden) 1925. Mit zwei älteren Klosteransichten. Populäre, nicht
immer zuverlässige Schrift. Neue Erkenntnisse vermittelt dagegen Jakob Ebner, Die unun¬
terbrochene Verehrung der seligen Luitgard von Wittichen, in: Oberrheinisches Pastoralblatt
1942, 42-44 nebst Innenseite des bedruckten Heftumschlages, 48-51, 67-69. S. 42, Anm. 1
teilt der Verfasser mit, dass*«zu seiner Arbeit die Nachlassakten des am 23. Juli 1931 ver¬
storbenen Pfarrers Bernhard Krieg teilweise benutzt» wurden. Diese liegen in Freiburg, Erz-
bischöfliches Archiv.
‘ Eine Trägerin dos gleichen Namens ist die hl. Luitgard von Tongern (1182-1246), die
ein durch Ekstasen, häufige Visionen und Krankenheilungen ausgezeichnetes Leben führte.
Lexikon für Theologie und Kirche, hrsg. von M. Buchberger, 6. Bd. Freiburg i. Br. 1934, 708.
* F. J. Mone, Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, 3, Bd. Karlsruhe 1863,
438-408: Leben der seligen Liut.gart, der Stifterin von Wittichen, von dem Pfarrer Bertholt
von Bombach. Der Umstand, dass Pfarrer Berthold Zeitgenosse der Seligen und selber Mys¬
tiker war, erhöht den Wert der von ihm verfassten Biographie. Diese umfasst 85 Kapitel.
4 Ch. Aug. Jundt, Les amis dq Dieu, ; Paris 1879, 35ff. Ihm verdankt wohl die Comtesse
M. de Villermont die Anregung zu dem grösseren Artikel in den Etudes franciscaines IS
(1905) 147-158. 297 ff. 417 ff. 515 ff. Bibliographische Angabe nach Ebner aaQ 67*
46 Medard Harth
deutschen Mittelalters begegnet 1 , so nimmt dies in Anbetracht
ihres aszetisch-mystisch gerichteten Innenlebens in keiner Weise
wunder. Wundern muss man sich jedoch, dass ungeachtet des der
seligen Luitgard ununterbrochen erwiesenen Kultes 2 sich das Erz¬
bistum Freiburg nicht dazu entschlossen konnte, ihr einen Platz
im Eigenoffizium der Diözese einzuräumen 3 und damit amtlich¬
autoritativ das anzuerkennen, was der zeitgenössische Biograph,
Pfarrer Berthold, im vorletzten, dem Tode Luitgards gewidmeten
Kapitel der Vita niedersclirieb: « aber ir gflter säliger nam vnd das
hailig bild irs hailgen leben sol numer sterben in der zit vnd sol
alzit göttlich frucht der weit bringen, die wil dise weit staut » 4 .
1. Luitgard wurde geboren 1292 als Kind achtbarer Bauers¬
leute unter der Burg « Wiekestein» (Witchestein), eine Stunde
hinter Schenkcnzell (Amt Wclfach, Diözese Konstanz), im Vor¬
tal, wo beim Zusammenfluss des Kaltenbrunnen mit der Rein¬
hardsau (von da an Kleine Kinzig) der Burgfelsen mit etwa
fünf Meter hohen Mauerresten steht. Ihr Todesjahr ist nicht 1347
oder 1348, wie vielfach irrtümlich angenommen wird, sondern
das Pestjahr in der Schwarzwaldgegend 1349 (16. Oktober) 5 .
Demnach erreichte Luitgard ein Alter von 57 Jahren. Als das
gottbegnadete Kind zwölf Jahre zählte, brachten es die Eltern
in das Kloster des Dritten Ordens zu Oberwolfach. Einer in der
Ekstase erhaltenen Offenbarung folgend, gründete sie in der Nähe
ihres Geburtsortes, in einer Wildnis, das Kloster Wittichcn ( = Wei¬
dengebüsch), in das sie am 18. Oktober 1325 mit 34 Schwestern
von Oberwolfach übersiedelte 6 . Hier in dieser Einsamkeit wirkte
Luitgard als ekstatische Mystikerin, opferfrohe Meisterin und
weitbekannte Büsserin,' vcrliess in Sorgen um das Kloster und
die Schwestern häufig Wittichcn, aber nur körperlich, ihr Geist
blieb daheim in der Zelle 7 . Im Jahre 1327 ging das neugebaute
Kloster in Flammen auf. Die Selige hielt sich damals bei der
Königin Agnes von Ungarn zu Königsfelden in der Schweiz
1 Karl Richstätter S. J», Die Herz-Jesu-Verehrung des deutschen Mittelalters, ‘Mönchen
1924, 65.
2 Die Kultkontinuität wurde nachgewiesen von Jakob Ebner aaO.
5 Für die Aufnahme der seligen Luitgard ins Eigenoffizium von Freiburg setzt sich
neuerdings mit Recht ein: Josef Clauss, Das Proprium Sanctorum Friburgense vom Stand¬
punkt der geschichtlichen Kritik, in: Freiburger Diözesan-Archiv C3(1935j 193-206, S. 206.
4 Mone, Quellensammlung III, 466 (Kap. 84).
* Ebner, in: Oberrheinisches Pastoralblatt 1042, 42 mit der Richtigstellung der bei
Mone angeführten Daten.
* Jahrgeschichten der hranziscaner in Baden, in: Mone, Quellensammlung der badischen
Landesgeschichte, 3. Bd, Karlsruhe 1863, G44,
* Ebner aaO. 42f.
Die sei. Luitgard von Wittichen 47
auf 1 . Hier sah sie in einem Gesicht den Brand ihres Klosters,
für dessen Wiederaufbau die Königin sofort weitgehende Hilfe
versprach. Bereits im Jahre 1330 erfolgte die Weihe der neuen
Klosterkirche, die unter den Schutz der Gottesmutter sowie der
hhl. Katharina, Klara, Franziskus, Petrus und Paulus und aller
Heiligen gestellt wurde 2 .
2. In die Zeit zwischen Oktober 1323, da Luitgard den Platz
zur Gründung des Klosters Wittichen auswählte, und dem Jahr des
zweiten Neubaues der Kirche (1330) sind die in ihrer Lebensbeschrei¬
bung erwähnten zahlreichen Bettelreisen zu datieren, welche ihr
die zum Bau notwendigen Geldmittel beschaffen sollten. Dass es sie
ins nahe Eisass, besonders nach Strassburg, zog, liegt auf der
Hand. Auch das an Klöstern reiche Kolmar erhielt ihren Besuch.
Wenn dem Aufbau der Vita eine chronologische Abfolge zu¬
grundeliegt, dürfte schon aus dem Grund anzunehmen sein, dass
der erste Bettelgang Luitgards ins Eisass dem reichen Strassburg
galt. Zwei Kapitel der Vita (c. 45 und 46) sind ihrem Strassbur¬
ger Aufenthalt gewidmet. Zuerst sprach die Selige bei den neben
der St. Nikolauskapelle im Giessen wohnenden Inklusen vor. Wir
lassen den hierfür in Betracht kommenden Bericht der Vita folgen 3 :
Kap. 45. In den selben ziten was ouch ain gottes fründin, die was ain
se'm-«sterlin zö Strasbürg zu dem kam ain stimm, do es an siner andacht
was. ,.e drin malen vnd sprach zu ir: «es kumpt ain bett über Rin her von ainer
nüwen stift, wer da zu ümer helbling oder pfening git, der ist gesichert des
ewigen lebens; vnd Jas ist also war als das hailig evangelium vnd das pater
nojter, v ul zö uineni wortzai.hen so vindest du sy au sant Nicolaus tag zu der
hilehen an dem Giessen» 6 . vnd vand vnser liebi nulter da, als ir die stimm,
hatt geseit. Ls war ouch ain andri schwöster, der öffnet vnser herr, wer mit
jnen gieng oder ulf bettlen oder uff die hofstatt kam durch gott, der hette als
vil gnaden erworben vm gott, als ob er ain fart hette geton gegen Auch [Aachen],
ob er mit luter bicht vnd rechtem rüwen dar zö käme.
1 Leben der RCligen Luitgart Kap. T5, bei Mone, Quellensammlung III, 462 und Jahr-
gescliiehten der Franziscaner ebd. 644.
1 Jnhrgeschichten der Franziscaner, aaO. 044.
1 Mone, Quellensammlung III, 454.
4 Mone ebd. 454 Anm.* gibt hierzu folgende Erläuterung: « Der Giessen zu Strassburg
ist das Mühlwehr in der 111 bei ihrem Einfluss in die Stadt, dort lag auf dem rechten Ufer
die Nikolauskirche und das Ufergelände heisst noch der St. Nikolaus-Staden (quäl s. Nico¬
las)*. Damit hatte Mone, wie uns scheint, die heute noch auf dem rechten Ulufer stehende
St. Nikolauskirche im Auge, welche aber mit der im (Metzger*) Giessen gelegenen, im obigen
Vitatext erwähnten Nikolauskapelle nicht identisch ist. Diese Nikolauskapelle im * Metzger¬
giessen», mit Bcglncnniederlassung, wurde am 8, November 1198 vom Strassburger Bischof
Konrad geweiht. Alfred Hessel und Manfred Krebs, Regesten der Bischöfe von Strassburg
2. Bd. Innsbruck 1928, .299 n. 2400a und S. 441, Zusatz 701a. Die « Capclla s. Nicolai in
dem GieOen » ist urkundlich bezeugt fiir den 21. März 1352, Urkundenbuch der Stadt Strass¬
burg, 7. Bd. Strnssburg 1000, 198 n. 672; Urkunde vom 17. Juli 1387 mit Hinweis auf die
Inklusen »inclusorii capeile s. Nicolai in dem GieOen», ebd. 699 n, 2311; Urkunde vom 7.
April 1340: smagistra et incluse inclusorii in dem Giessen», ebd. S. 143 Anm. 1.
48
Medard Barth
ff
Gute Aufnahme fand Luitgard auch in der ebenfalls in Strass¬
burg gelegenen Frauenabtei St. Stephan. Den Bericht hierüber
enthält das 43. Kapitel der Lebensbeschreibung 1 :
Kap. IG. Dar nach gieng sy ze Strasburg in das closter zu sant Stephan,
do (tet) der lütpriester jr wort, so er beste kund, wann er hatt wol vemumen
die warheit von jnen, vnd sunderlich vm das holcz, das in drin tagen gewagssen
was 2 , vnd hatt jm der vogt von Schenckazell gesait. vnd do sy den priester
horten das offenlich sagen, do erschrackend sy gar übel, wann sy hetten jm nie
nüt davon geseit, vnd sprach die mfiter zu ir gespilen: wannen ist dise red kumen ? .
sy sprach: «ich en wniß». Darnach Ifid sy die iiptissin vnd fragt sy, ob dise red
war war. Do sprach sy demütenclich:«liebe frow, ich en waiß, wer dise red vff
haut braucht, haut gott sinen kinden icht. getan, das zimmet siner gfiti wol.
Wann (er) sy in sinem namen gesamlet haut; vnd wolt jr nit anders antworten.
Luitgards Besuch von Kolniar ist in das Jahr 1825 oder 1326
zu setzen Höchstwahrscheinlich bildete er den Abschluss ihrer
Eisassfahrt. In der Vita liest man darüber Folgendes 2 :
Kap. 05. Das hie nach aller nächst geschriben staut, das beschah in dem
ersten iar, do vnser mfiter das closter hatt angefangen*. Do starb ain kind, das
war ir schwösterkind, das hatt sy mit ir gen Wieten gefürt, vnd was sy in der
selben zit, do das kind starb oder tod was, ze Kolmar; do kam es zfi ir gen
Kolmar vnd ruft ir vnd sprach: « mume! • vnd sy sprach: « wer bistu ? > vnd es
sprach: «ich bin din Gretlin von Uebelbach [Ein Weiler, der zur Gemeinde Kin¬
zigtal im Amte Wolfach gehört] vnd bin tod in der zit vnd leb in gottes ewi-
kait», vnd sy fraugte, wenn es stfirbe, vnd cs sprach: «gestert, vnd ist Syfrid
vnderwegen vnd will dir cs sagen, das ich tod sig». ... «Liebe mum, du solt
starek vnd fest sin in den wercken gottes, wann gott will dir helfen, das du
solt bfiwen ain kirehen, die wirt gewicht e das fünf jar vss kumen 5 . vnd wirt
ouch schir ain schön closter, vnd will gott dar jnn wfircken vil Wunders
Wie in Strassburg, wird Luitgard auch in Kolmar die Gast¬
freundschaft eines Frauenklosters genossen haben.
3. Eine Zwischenstation auf der Eisassreise bildete wohl
Rappoltsweiler. Obsehon die Vita der Seligen nichts davon zu mel¬
den weiss, spricht ein bisher unbekanntes Zeugnis, das wir einem
Klausner von Rappoltsweiler verdanken, zugunsten unserer Annah¬
me. IndiesemoberelsässischenWeinstädtchengabesim 14. Jahrhun¬
dert und schon früher verschiedene klösterliche Niederlassungen bzw.
Einsiedeleien“, und da bestand für Luitgard die Möglichkeit, mit
1 Mone, QucHensammlung III, 454.
* Den Bericht über dieses Wunder bringt das Kapitel 35 der Vita. Vgl. Monc ebd. 452.
* Ebd. 459.
* Diese Zeitangabe kann sich nicht auf die Errichtung des Klosters, sondern nur auf
den Beginn des klösterlichen Lehens im fertig gestellten Bau beziehen. Denn es l4sst sich
schwerlich glauben, dass die Nichte Luitgards, die Klosteraspirantin war, schon vor der
Uebersiedlung der Schwestern nach Wittiehen (16. Oktober 1325) sich hier nufhiclt.
* Darin dürfte eine Anspielung auf die Kirchweihe von 1330 liegen.
* Jos. M. B. Clauss, Historisch-topographisches Wörterbuch des Eisass. Zabern 1895 ff
871 f. B. Bernhard, Iteclierches sur l'histoirc de la ville de Rlbeauvilld, publ. par X. Moss-
mann, Kolmar 1888.
Die sei. Luitgard von Wittiehen
49
einem dortigen Gottesfreund in Berührung zu treten. Dass dieser
der elsässischen Mystikerbewegung angehörte, erhellt mit aller Deut¬
lichkeit aus der Epistel, die er an die Selige von Wittiehen rich¬
tete. Das Schreiben ist zur Gattung der Sendbriefe zu zählen, wie
sie in Mystikerkreisen üblich waren 1 .
Erhalten ist uns dieser Sendbrief in einer Abschrift des aus¬
gehenden 14. Jahrhunderts. Er findet sieh in einer Sammelhand¬
schrift der Freussischen Staatsbibliothek in Berlin, die aus dem
Besitz des protestantischen Liederdichters Daniel Sudermann 2
stammt. Der Kodex trägt den Bibliotheksvermerk Ms. germ. quart
125 und bringt auf Bl. 62 rb -63 ra den Brief des Einsiedlers von
Rappoltsweilcr. Ueber den Briefsender wie die Adressatin unter¬
richtet der dem Schreiben unmittelbar folgende Zusatz: « Dise vor
gonde lere schreip brfider Gerhart der einsidel bi Roppeltzwilre 3
swestern Lückin, die mvter und anhaberin [=Gründerin] waz des
klosters zfi Wittiche 4 .. . » Die Richtigkeit dieser Zuweisung zu
bezweifeln, liegt kein Grund vor.
Einleitung und Schluss des Sendbriefes bewegen sich auf
biblischem Boden und berühren sieh im Ausdruck mit dem Spraeh-
gut anderer mystischer Literatur. Inhaltlich stellt die in Briefform
gebotene Lehre des Mystikers von Rappoltsweiler eine gedrängte
Wiederholung von dem dar, was sich sonst in den Schriften der
mittelalterlichen Mystik in breiter Ausführlichkeit und spekula¬
tiver Tiefe findet. Während die erste Gruppe seiner Unterwei¬
sungen negativer Art ist und die völlige Loslösung des Menschen
von allem, was nicht Gott ist, fordert, zielt die zweite, positiv
gerichtete auf das Einziehen Gottes in die Menschenseele und deren
in der Liebe begründete Vereinigung mit ihm hin. Die Mittlerrolle
des Gekreuzigten wird hierbei betont. Der ganze Tenor des Send¬
briefes verrät den Praktiker in Bruder Gerhart. Nun soll sein
Schreiben an die Selige im Wortlaut geboten werden:
1 Wilhelm Oehl, Deutsche Mystikerbriefe des Mittelalters 1100- 1550 [Mystiker des
Abendlandes, hrsg. von R. F. Merkel 1, München 1931.
* Literatur über Daniel Sudermann bei Luz. Pfleger, Zur handschriftlichen Ueberliefe-
rung Geilerschcr Predigttexte, in: ArolifElsKg 6(1931)203 ff.
* Dieser Einsiedler Gerhart ist höchstwahrscheinlich identisch mit dem Bruder, dessen
Haus auf der Eberlinsmatte bei Rappoltsweiler stand. 1428 fiel dem « Bruder Mathisen, dem
altvatter doselbst». ein Vermächtnis zu. Karl Albrecht, Rappoltsteinisches Urkundenbuch, 3.
Bd. Kolmar 1894, 277 n. 549. In einer Urkunde vom 17. August 1439 ist erwähnt, dass
« bruder Mathisen zu diser zit seßhafft in dem bruderhuß zu Eberlinsmatte» ist. Ebd. 522
n. 1089. Als Vorgänger dieses Altvatcrs Matthis wäre also Bruder Gerhart anzusehen.
4 In der Handschrift steht Wittiche und nicht Wirtich, wie Degering irrtümlich las. Da
im Sendbrief und in den ihm vorausgehenden Texten der Handschrift bei Doppel-t nur das
zweite t mit einem Oberschaft versehen ist, erklärt sich das Versehen bei II. Degering, Kurzes
Verzeichnis der germanischen Handschriften der Freussischen Staatsbibliothek, 2. Bd. [Mit¬
teilungen aus der Freussischen Staatsbibliothek, Bd. VIII], Berlin 1926,20.
aek 10
4
5Q
51
Medard Harth
« Ich begere an den algenedigen vnsern Herren Jliesum Chri¬
stum in dem adel der miltekeit sinre gotheit*, daz er dir gebe
vnd an dir vollebringe mit allen sinen vßerwelten lieiligen allez,
daz ime erlich ist zü gebende von dem adel sinre güte vnd dir
mügelich ist zu cnphahende von sinre gütlichen genaden vnd daz
bliben in dir bestetige mit allen sinen vßerwelten heiligen von ewe
zü ew. Amen.
Min aller liebester frönt 2 in vnserm Herren Jhesu Christo,
nement war dirre nach ganden reden, die geschriben stat, dar inne
du von innen zü friden körnen malit, von innen, vnd iegelich
mensche, der sich zü diesem getruweliche haltet vnd keret.
Der erste punte ist: lere dich selben dannen tün in aller
besitzungen aller eigenschaft in allem güte vf ertriche vmbe die
minne dines herren vnd dins gottes. Daz ander ist: lere dine
eigenschaft dannan tün in aller eren, liplich vnd geistlich, Milbe
die minne gottes. Daz drite: lere dich selbe dannan ze tfinde in
aller | besitzlieheit aller dinre frönde, liplich vnd geistlichen, vmbe
die minne gottz. Daz vierde: lere dich selber dannan zft tünde an
aller besitzlickeit dins liplichen lebendes vmbe die minne gotz.
Daz fünfte: trag alle tage vf alle dise ding vnn dinne sele, in
den im gevelligen in minnenden willen dins’ herren vnd dins
gottes, wan er eine weiz warnimmet von dem beginne sinre oife-
nungen sinre algeweltigest ewigen wisheit waz ime erlich vnd
gevellig ist an dir zü vollebringende vnd dir selikliohe vnd müge-
liche ist zft tünde von sinen genoden vnd enphohende.
In sinen willen loz dich vnd alle ding, vnd daz aller erste,
daz dv dich selber dannan tüst vnd loszest dich zü gründe in
allen disen vor gonden pvnten in den willen dins herren vnd dines
gottes. Das ander ist, daz dv an dich ziehest alle tugent mit min-
nen zü besitzende in Christo vnserme Herren, vnd die dir mügelich
sint zü übende, die übe in der minne gottes, vnd die dir vnmü-
gelich sint zft übende mit den werken, die übe in der minnen gottz
vnd vnsers herren Jhesu Christi, vnd alsus mühte ein sieche, der
in dem spittol lege, komen zü dem wesenliehen lone aller tügende.
Das drite: erhep din inner gemüte vnd aller diner seien krefte
über dich selber vnd über allez, daz zitlich ist, vnd über alle
creaturen zü dem einvaltigen eine 3 vnd vmbe vah in mit der inn-
1 Der Ausdruck «Umbe den adel sinre [=Gottcs] miltekeit» begegnet auch in dem mysti¬
schen Traktat, der dem Sendbrief unmittelbar vorausgeht: Bl. 62 ra,
2 Die Anrede in männlicher Form wurde wohl vom Briefschreiber mit Absicht gewählt.
8 Das dem Sendbrief vorausgeschickte mystische Stück enthält die Wendung: «in dem
minnenriche süßen gegenwurfe dez einvaltigen eines»: Bl. C2ra.
Die sei. Luitgard von Wittichen
ren minnen dinre seien vnd laz dich von ime vmbevangen wer¬
den mit einem in minnenden getruwende diner seien vnd / aller
diner seien krefte, nim in ime [= inne] so wurt er dich erlösende
von allen nöten, wan er weiz die zit sinre gevellikeit dez ent bin¬
dern dins bandes, do mitte dv doch vor sinen ovgen vngebunden bist.
O frönt, lit dich als sich der eingeborne gottes sun gelitten.
hat vnder den fußen der beiden vnd dem biwesende Judas, dem
er doch sinen lichame gap mit den andern jungem, wie er doch
wol wüste, daz er in verraten hatte vnd in geben wolte in den
tot, so bewisete er sich doch gütliche in ime vntz vf daz ende.
Also tü dv: sist frönt dinen vienden vnd minne den, der dich hasset
vnd sist ime getruwe an der seien vmbe die truwe vnd vmbe die
minne dins herren vnd dins gottes vnd hab ein in minnende
getruwen in dinen got, wan er wil dir geben eine kraft, ist ez,
daz dv getruwe bist in dem vorgenanten punten darinne er dich
erheben wil über alle ding vnd gütliche erlösen von allen banden.
Min frönt, erstirp, erstirp ein lüt.zel zites an dem krütze mit
dinem gote, durch daz din vferstende von dem tode frfllich werde
in ime; nüt enhap enkein getrengge von den infliegenden invellen,
die in dich vallent, wie wünderlich sie iocli sint, so enschadent
sü dir doch nöt, wan din herre vnd din got siht an die oberste
begirlieheit dins herzen vnd dinre seien, vnd von der antwurtet
er dir von ewen zü ewen, vnd ein solich infligende gestüppe, daz
der wille innerlich nöten wil, daz verswindet allez in dem före der min¬
nen. Der fride, der do ist über alle sinne, der vereinige din herze vnd
din verstentnisse in einikeit dez willen vnd in kraft der minnen vnd
in vnserme herren Jhesu Christo blibende von ewe zü ewen 1 . Amen.
Diese vor gonde lere sehreip brüder Gerhart der einsidel bi
Roppeltzwilre swestern Lückin, die müter vnd anhaberin waz dez
klosters zü Witticlie.
4. Die Selige starb bekanntlich am 16. Oktober 1349 an der
Pest, die ja auch zu gleicher Zeit in Strassburg 2 wütete, wo viele
Tausende von ihr dahingerafft wurden. Auf die Beziehungen zwi¬
schen dieser Stadt und dem Kloster Wittichen hat ihr verhältnis¬
mässig früher Tod keinen nachteiligen Einfluss ausgeübt. Daraus
ist zu folgern, dass die von Heiligkeit umstrahlte Mystikerin, selbst
1 »Der fride der do ist vber nlle sinne, der einige uwrc liertze vnd uwrc verstentnisse bil¬
dende in vnsrenie herren Jhesu Christo von ewe zu ewe vmbe sine erbermede. Amen». So
schliesst der vorhin genannte Traktat: Bl. Ü2rt> . Dieser Segenswunsch ist eine Umschreibung
der Pnulusstellc Phil. 4,7.
3 Closencrs Chronik vom Jahre 3302, in: C. Hegel, Die Chroniken der deutschen Städte,
8. Bd. Strassburg, Leipzig 1870, 120 f. Closener gibt die Zahl der in Strassburg an der
Pest Gestorbenen mit 16.000 an.
52
Medard Bartli
bei der Annahme eines angeblich nur einmaligen Aufenthalts in
Strassburg, dessen religiös-kirchliche Kreise zutiefst beeindruckt
haben muss. Die Vorteile, die Wittichen daraus erwuchsen, waren
verschiedener Art. Da das in einem Seitental der Kinzig gelegene,
von hohen Bergen umschlossene Kloster wegen der grossen Zahl
seiner Insassen 1 auf Unterstützung von auswärts angewiesen war,
ist es verständlich, warum ihm das nahe Strassburg, die reiche
Metropole des Oberrheins, nicht gleichgültig blieb.
Für die Zeit von 1864 bis 1305 lassen sieh noch etliche Strass¬
burger Urkunden beibringen 1 , die beweisen, wie Wittichen seine
wirtschaftliche Stellung daselbst ausbaute. Es geschah dies auf
Grund von Anniversarstiftungen, Vermächtnissen und Renten¬
erwerb. Im Jahre 1376, da Wittichen die Umwandlung in ein Klaris¬
senkloster anstrebte 3 ,übereignete die bcgüterteStrassburgerinDfidn,
Witwe Bürckelins, genannt Schaffencr von Westhofen, dem Kloster
Wittichen einen Hof samt Zubehör in der Spitalgasse zu Möls¬
heim. Als dessen Hausnachbaren werden genannt Magister Matthias
von Neuenburg und Johann Stummelin. Eine Konventualin des
Klosters, Katharina von Haslach, Tochter des verstorbenen Otte-
mann von Haslach, sollte auf Lebensdauer im Genuss dieser
Schenkung sein 4 . Dass wir in diesem Haslach das in der Nähe
von Molsheim gelegene Dorf zu erblicken haben, steht ausser
Zweifel. Daraus darf geschlossen werden, dass Wittichen auch aus
dem Eisass Zuzug hatte.
Wie in Rottweil, Hoehmössingen, Horb, Gengenbach 6 , Lahr
Villingen und Brugg in der Schweiz, besass Wittichen auch in
Strassburg eine Sehaffnei 6 . Einem Bericht von 1540 zufolge 7 trug
letztere dem Kloster jährlich «100 Florin, 4 Malter Weizen, 37 V,
Malter Roggen 27 Malter Gerste 30 Malter Hafer und 9 Malter
Erbsen» ein. Die Schaffneien Gengenbach und Lahr lagen übri¬
gens im rechtsrheinischen Teil der alten Diözese Strassburg.
1 Deren Zahl belief sich im Jahre 1376 auf etwa hundert. Vgl. Bulle Papst Gregors XI
für Wittichen, Avignon 20. Mai 1376, in Abdruck bei K. Rieder, Römische Quellen zur
Konstnnzer Bistumsgeschichte (1305-1378), Innsbruck 1008 , 607 f. n. 1808.
2 Urkundenbuch der Stadt Strassburg VII, 341 n. 1160 = Urkunde vom 24. Dezember 1304*
ebd. 351 n. 1193 = Urkunde vom 10 . Juli 1365; ebd.431 n. 1478 = Urkunde vom 23. September
1371; ebd. 477 n. 1643 = Urkunde vom 12 . Juli 1374; ebd. 478 n. 16-16 = Urkunde vom 3. August
1374; ebd. 671 n. 2320 = Urkunde vom 4. September 1387; ebd. 70-1 n. 2730 = Urkunde
vom 22. Dezember 1895.
* Bulle Papst Gregors XI vom 29. Mai 1376 in: Rieder, Römische Quellen 607 f. n. 1898.
4 Urkunde vom 21. Februar 1376, veröffentlicht von F. J. Mone in der Zeitschrift für
die Geschichte des Oberrheins 21 (1868) 294 f. n.29.
s Heizmann, Das Frauenklösterlein Wittichen 22.
9 Die Schaffneien Lahr, Villingen, Brugg und Strassburg sind erwähnt in den Jahr¬
geschichten der Franciscaner in Baden, in: Mone, Quellensammlung III, 045.
? Jahrgeschichtpp dpr Frapziscnncr in Baden, in: Mone, Quellensammlung III, 045.
t)ie sei. Luitgard von Wittichen
Bestand und Entwicklung eines Klosters waren an den Schutz,
den Mächtige nur leihen konnten, gebunden. Wohl gehörte das
hart an der Strassburger Bistumsgrenze liegende Wittichen zur
Diözese Konstanz, aber dies hinderte es nicht, auch ausserhalb
derselben sieb nach Schirmherren umzuselien, die in der Lage
waren, ihm im Notfall wirksame Hilfe zu bringen. Wenn Papst
Bonifaz IX im Jahre 1396 das Schwarzwaldkloster in die Obhut
der Bischöfe von Konstanz, Basel und Strassburg stellte 1 , so ist
von vornherein klar, von welcher Seite die Wahl dieser Protek¬
toren angeregt wurde. Mit Genehmigung des gleichen Papstes
nahm Wittichen am 9. September 1402 die Regel der bl. Klara
an. Jurisdiktionen wurde es unter demselben Datum den Franzis¬
kanern der Strassburger Provinz unterstellt 2 . Grösstes Entgegen¬
kommen zeigte ihm Kaiser Sigmund, als er es auf dem Konzil in
Konstanz (1417) mit Immunität und sonstigen Freiheiten aus¬
stattete und gleichzeitig dem Rat der Stadt Strassburg befahl, an
seiner Statt dessen Schutz zu übernehmen 3 . Zugunsten des Klo¬
sters Wittichen verwandte sieh 1434 auf der Kirchenversammlung
zu Basel der Kardinallegat Julian, indem er ihm den Bischof von
Strassburg nebst den Achten von Hirsau und Alpirsbach zu Kon¬
servatoren gab*. Nach der wirtschaftlichen wie auch rechtlichen
Seite hat sich also die Nähe Strasshurgs höchst vorteilhaft für
Wittichen ausgewirkt.
Auch mit der Geschichte der Luitgardreliquien ist Strassburgs
Name verflochten. Als man am 12. April 1629 mit der Erlaubnis
des päpstlichen Nuntius Cyriakus in Zürich das Grab der Seligen
in der Klosterkirche von Wittichen öffnete 5 , zog man zur Unter¬
suchung der Reliquien katholische und protestantische Aerzte bei.
Es waren dies Jakob Häussler, Arzt in Villingen, Christian Gabler,
Leibarzt des Markgrafen Wilhelm von Baden, und Dr. Kieffcr, « der
berühmteste Mcdicus in Straßburg» 6 . Einstimmig bezeugten sie,
dass die «Unverwesenheit des Gehirns der Heiligen mehr einer ver¬
borgenen göttlichen Kraft als natürlichen Ursachen zuzuschreiben
1 Urkunde Papst Bonifaz’ IX vom 5. April 1396 in: Fürst enbergisches Urkundenbuch 6.
Bd. Tübingen 1889, 122 n. 68 Zusatz 3.
1 Jahrgesehichten der Franciscaner in Baden, in: Mone, Quellensammlung III, 645.
* Urkunde vom 8.Dezember 1417 in: Fürstenbergisches Urkundenbuch VI, 123n,68 Zusatz 5.
4 Urkunde vom 12. August 1434, ebd. 122 n. 08 Zusatz a; ferner Karl Rieder, Regcsta
episcoporum Constantiensium, 8. Bd. Innsbruck 1926, 333 n. 9579.
• Jahrgeschichten der Franciscaner in Baden, in: Mone, Quellensammlung III, 647.
4 Ebner, Die ununterbrochene Verehrung der seligen Luitgard, in: Oberrheinisches
Pastoralblatt 1942, 48. Näheres über diesen Strassburger Dr. Kueffer siehe bei Otto Winckel-
mann, Zur Geschichte des Badischen und des Nassauischen Hofs in Strassburg, in: Zeitschrift
für die Geschichte des Oberrheins 24(1009) 583ff.
54 Medard ßartli
sei, um so mehr, weil das Gehirn von Natur kalt und unter den
übrigen Körperteilen am allermeisten der Fäulnis unterworfen ist»i.
Wenn die Chronik von Thann einiges über den Tod und die
Erhebung der seligen Luitgard wie auch über den Brand des
Klosters Wittichen im Jahre 1663 meldet, so ist dies bei der
Ordensverbundenheit ihres Verfassers, des Franziskaners Malachias
Tschamser (gest. 1742), ohne weiteres erklärlich 2 .
Weitere Beziehungen der Seligen bzw. ihres Klosters zum
Eisass Hessen sich nicht auf decken. Im Jahre 1803 fiel Wittichen
der Säkularisation zum Opfer 3 . Das Kloster lebt nun in der Ge¬
schichte, die selige Luitgard dagegen im Herzen des Volkes weiter.
1 Ebner ebd. 48.
* Malachias Tschamser, Annales oder Jahrs-Geschichten der Banrfiiseren oder Minderen
Brüdern S. Franeisci ord,, insgemein Conventualen genannt, zu Thann. 1721 hrsg von
A. Merkten, 2 Bde, Colmar 1804; 1,357 und 11,430. 593. Die « Jahrgesehichten der Frnnciscaner
in Baden », bei Mone, CJuellensammlung III, 041. 047 oder das Luitgardsleben des Franciskuners
Joh. Ludwig Unglert, Freiburg in Schweiz 1030, dienten ilim nls Vorlage.
* Ileiznmnn 9.
Das ABC des Geistes von Bruder Thomas
Ein Strassburger mystischer Traktat über den Hausrat
von Klosterfrauen
Eingeleitet und herausgegeben von Florenz Landmann
Der von dem mystisch veranlagten Strassburger Arzt Daniel
Sudermann um 1600 1 aus Resten mittelalterlicher Faszikel zusam¬
mengesetzte Kodex Ms. gernt. 4° 434 (Ende des 15. Jahrhunderts)
der Berliner Staatsbibliothek enthält an vierter und letzter Stelle
(Bll. 33-35) 2 ein auffälliges Stück unter der Uebersclirift: «Ant-
wurt brftder Tornas in söllier verwiß Schaffners Göli des alten».
Wie die zwei unmittelbar vorhergehendenTexte dürftedas Stück aus
einem Strassburger Dominikanerinnenkloster stammen 3 . Auf Strass¬
burg weist auch Sprachliches hin; ob allerding der Vorfall, von dem
berichtet wird, daselbst stattgefunden hat, ist damit nicht gesagt.
Der Verfasser Bruder Thomas, ein jüngerer Ordensangehöriger,
ist wohl der Beichtvater und Prediger der Schwesterngemeinde
gewesen, um die es sich handelt. Indem er für das Wohl der ihm
Anvertrauten irgendwie eintrat, ist er von dem für die wirtschaft¬
liche Seite des gemeinsamen Lebens verantwortlichen Schaffner
Göli dem Alten in Gegenwart anderer, wahrscheinlich der Betrof¬
fenen selber, hart angefahren worden. Der Schaffner hat auf das
im Orden Uebliche hingewiesen und dabei, mit einem verächt¬
lichen Seitenblick auf die ärmliche Mitgift der acht anscheinend
noch nicht lange eingetretenen Schwestern, geäussert, er kenne die
1 Siehe über ihn und seine Snnuncltätigkeit die Notiz von Luzian Pfleger in der Abhand-
lunglZur handschriftlichen Ueberliefernng Geilerseher Predigttexte,in: ArchfElsKg6(1931)208ff.
* Ueber den Inhalt der drei anderen Stüuke siehe Florenz Landmann, Die Unbefleckte
Empfängnis Mariä in der Predigt zweier Strassburger Dominikaner und Geilers von Kaysers-
berg, in: ArchfElsKg 0(1931) 189-194.
* Es könnte auch ein Beginenhaus in Betracht kommen oder eher noch eine der « Sa-
menungen» für reiche Pfründnerinnen, die von den Dominikanern betreut wurden. Siehe über
derartige Gründungen Ch. Schmidt, Die Strassburger Begmenhäuser im Mittelalter, in: August
Stöber, Alsatia, Mülhausen 1859-1801, 149-248.
Florenz Land mann
Geister wohl. Es lag darin der Vorwurf für die Schwestern, dass
sie nicht in reiner Absicht ins Kloster gekommen seien, und noch
mehr der Vorwurf für ihren Scelenleiter, dass er sich von ihnen
tauschen lasse und die Genossenschaft dem geistlichen und mate¬
riellen Ruin zuführe.
]Bruder Thomas hat im Augenblick den Verweis des älteren
Mrtbruders demütig hingenommen, gibt aber Tags darauf dem
auf seine Lebenserfahrung stolzen Vater Göli die uns vorliegende
schriftliche Antwort. Sie zeigt den vollendeten Geisteslehrer, der
..? Vorfall in einer für die Schwestern wie für den Mitbruder
nützlichen Meise zu gebrauchen versteht. In dem, was ,1a als
Grundlage wahren religiösen Lebens hingestellt wird, verdient die
Rechtfertigung auch heute noch gehört zu werden; die Einklei¬
dung entspricht allerdings der damaligen Zeit.
1. Zunächst hebt dieses «ABC des Geistes», wie der Verfasser
seine Aufklärung nennt, die Wahrheit hervor, die schon Paulus
(1. Kor. 2,14 f.) predigt, dass der fleischliche Mensch nicht erfasse
was des Geistes sei, dass hingegen der geistlich Gesinnte alles
richtig erkenne und beurteilet Hätte Göli das Auge des Geistes
so wurde er nicht «in rupfender wiß», sprechen, er kenne die
Geister. Er solle daher den Nebelrauch aus dem Auge wischen
und sehen, was ihre Schwestern an Hausrat und Ausstattung mit¬
gebracht hatten. Es seien Dinge, die man nicht am Wege finde
und die er mit all seinem Gelde nicht kaufen könnte. Und wären
sie feil, sie würden ungekauft bleiben, weil der fleischliche Mensch
nur Verachtung für sie habe. Thomas zählt nun seinem Mitbru¬
der die verschiedenen Stücke der Mitgift der einzelnen Schwestern
auf; doch sind die Stücke nur als Sinnbilder der inneren geistlichen
Vorzüge und Uebungen der Schwestern zusammengestellt so dass
an ihre Darlegung das Wichtigste aus dem Lehrgang der christ¬
lichen Vollkommenheit geknüpft wird.
Die erste Schwester hat eine Flachshechel gebracht von Holz
und Eisen gefertigt. Sie gedenkt der Wertlosigkeit und Hinfällig 1
keit aller irdischen Güter, verschmäht in wahrer Armut die Welt
und ihre Lust, verachtet dabei aber niemanden als sich selbst
Deshalb geht sie streng ins Gericht mit ihrem Tun- sie durch’
hechelt und säubert es, dass sie ein reiner Flachs und ihr Herz
und Gemüt ein Tempel werde, in dem nicht ihr Selbst als Kobold
und Abgott, sondern Gott der Schöpfer allein Wohnung habe.
1 A ‘»malis autem homo non pereipit ca, qn,c sunt Spiritus Dei; slultitin enim e,t jllj
qu,u spiritualiter c5mmtoatu '- S " iritua,is “—j-xS oÄ
T)as ABC des Geistes von Bruder Thomas
Die zweite Schwester hat ein Ochsenjoch mit roter Seide gefüt¬
tert mitgebracht. Wie die erste hat sie aus Furcht vor den Fesseln
zeitlicher Dinge in Armut und Demut ebenfalls der Welt und
sich selber entsagt. Sie zwingt sich jetzt mit frommen Uebungen
in das Joch des Herrn, sieht, wie ohne Unterlass Unkraut im
Garten aufgeht und wie sie mit sich selbst und ihren Schwach¬
heiten zeitlebens zu kämpfen haben werde, gibt diesen Schwach¬
heiten aber mit der durch Christi Blut verdienten Gnade — die
rote Seide ist deren Abbild nicht nach, sondern findet in ihren
Uebungen immer wieder Ruhe. Muss sie auch selber manchmal
leiden, innerlich oder äusserlich, sie bezwingt sich Gottes wegen
und erkennt von Tag zu Tag mehr, wie sanft das Joch des Herrn
ist und wie leicht seine Bürde.
Die dritte besitzt ein inOrdnung gehaltenes Rechenschaftsbuch,
auf Grund dessen sie Klage führt. Uebt sie sich nämlich mit den
zwei ersten Schwestern im Joche des Herrn, so gehen ihr inner¬
lich die Augen auf, sie besieht sich im Büchlein ihres Gewissens,
prüft sich in der Kunst der Heiligen und, wenn sie Verkehrtes
findet, so klagt sie sich an über den Verlust der Zeit, über die
Schädigung ihres Nächsten insbesondere an dessen Seele, über
die Gefährdung ihrer ewigen Seligkeit. Je mehr sie das alles erkennt,
um so grösser wird ihr Reueschmerz.
Die vierte Schwester hat ein Feuerzeug mit gutem Zunder
mitgebracht. Gereinigt von Weltlichkeit, in der Tugend geübt,
immer mehr befreit von bösen Anfechtungen, entfacht sie, so oft
Gott mit ihrem Willen ist, in tugendhaftem Verlangen das Feuer
inbrünstiger Liebe, so dass sie nur mehr Lust an Heiligkeit findet
und in voller Freiheit des Herzens auf dem Weg der Gebote
Gottes dahineilt.
Die fünfte Schwester hat einen Hund an einem Strick gebracht,
einen Hund, der drei Augen hat und nur bellt, wann sie will. Es
ist das zornmütige Streben ihres Herzens: das eine Auge sieht
über sich die Beleidigung Gottes, das andere neben sich die Ver¬
fehlungen des Mitmenschen, das dritte in sich die eigene Wildheit.
Mit Hülfe der drei Augen findet die Schwester, dass ihr die
Beleidigung Gottes allermeist zu Herzen gehen muss, dass sie auch
Mitleid empfinden soll mit dem Elend des Nächsten, dass sie für
sich aber Beleidigung und Schmähung nicht achten darf. Dünkt
sie also, dass ihr jemand irgendwie zu nahe getreten ist und kann
sie den Gedanken geschädigt zu sein nicht los werden, so küm¬
mert sie fürs erste nur, dass der Nächste dabei Gott beleidigt
hat, und lässt den Hund am Strick bellen, ohne über das ihr
Ä8 Florenz Land mann
Angetane in Zorn zu geraten; sie wird vielmehr ob des Nächsten
Verfehlung von Erbarmen und Mitleid mit ihm gerührt. Steigt aber
der Unmut über das ihr geschehene Unrecht, wie sie wähnet, doch
in ihr auf, da bindet sie den Hund los vom Strick und hetzt ihn mit
beiden Händen gegen den Abgott ihrer Selbstsucht, Gott, dem
König der Ewigkeit, allein die Ehre gebend. So übt sie sich, als
getreue Dienerin einzig ihres Herrn wegen das Gebotder Nächsten¬
liebe zu erfüllen, und bleibt in Gunst und Frieden mit jederman.
Es ist dies in einer Genossenschaft von Menschen das Wahrzeichen
und Wappen des Christentums, ein Abbild des von Gott allge¬
ordneten Austausches der Naturkräfte in gegenseitigem Geben und
Nehmen, ein Himmel der Freude und Freundschaft auf Erden.
Die sechste Schwester bringt einen Augenspiegel, zweckent¬
sprechend, da eines ihrer Augen scheel, das andere finster ist, d. h.
in geistlichem Sinne: auf das Aeussere gerichtet und von Gott
abgekehrt. Mit ihrer Brille zwingt sie das eine Auge, nach innen
zu sehen, um so mit Hülfe eines erfahrenen Beichtvaters ihr Herz
zu reinigen von den geringsten Fehlern; das andere Auge, in den
Geschöpfen überall Gottes Spuren zu erblicken, um so bei deren
Gebrauch ganz nach seinem Willen und Wohlgefallen zu handeln.
Die siebente hat ein seltsames Tier gebracht, ein Tier mit
einem Auge, mit dem es zugleich sieht und hört, da es weiter
keine Ohren hat. Und dieses Auge ist blind und taub für alles,
was von aussen kommt, so dass die Schwester davon unberührt
bleibt, auch wenn es ihr zum Trotz geschieht. Sie sieht und hört
allein, was Gott in ihrem Herzen redet. Was nicht Gott und
Gottes ist, gelüstet sie nicht. Sie nimmt ohne grosses Verlangen
nach der Zukunft in Dankbarkeit und Geduld hin, was kommt,
tut dabei aber doch das Ihrige, dass sie vor Gottes Gericht keiner
Versäumnis schuldig sei. So lebt sie zufrieden in jeder Lage und
ruht in Gott, der allein ihr Ziel ist.
Die achte ist eine Laienschwester, heisst Anna, so dass man
ihren Namen von vorn wie von hinten lesen kann. Wie man an
sie herankommt, sie ist immer gleichmütig, fröhlich und gehor¬
sam. Sie hat die Röstpfanne Ezechiels ( 24, 3 ff.) mitgebracht.
Was die fleischlich Gesinnten denken, reden, tun wider die Geis¬
ter, das wirft sie in diese Pfanne und lässt es da brodeln, ohne
sich weiter darum zu kümmern. Sie bittet nur Gott, dass er deren
Finsternis wegnehme.
Der Verfasser stellt nach dieser Aufzählung fest, dass alle
diese Schwestern Besitztum hätten. Allen gemeinsam sei, dass
dieser ihr «plunder vnd hußrot » durch den Gebrauch nicht alt
Das AHO <les Geistes von Bruder Thomas 69
und schlissig, sondern immer stärker und besser werde. Gebrauch¬
ten sie ihn also, so dürften sie nimmer Mangel leiden. Er fügt
dem die Aufforderung bei: « Bitte Gott, mein Vater Göli, dir von
diesem Hausrat etwas zu schenken. Hast du das, so sprichst du:
Gebenedeit sind die Geister! Du wirst dann nicht mehr fragen:
Was haben sic gebracht? Gott sei mit uns! »
2. Dieses ABC des Geistes, das Bruder Thomas dem Vater
Göli vorführt, enthält tatsächlich die Grundübung des christli¬
chen Geisteslebens, in welchen Formen dieses sich auswirken mag:
die Bezwingung der ungeordneten Selbstliebe durch die Gottesliebe.
Die Möglichkeit, darin sehr weit zu gehen, ist durch Christi Verdienst
und Gottes Gnade in den weltlichen Berufen wie im Ordensstande
gegeben, nur dass den zum Klosterleben Berufenen durch die von
der Kirche gutgeheissenen Ordenssatzungen und Regeln mehr Gele¬
genheit gegeben ist, in dieser Uebung planmässig fortzuschreiten.
So sucht die erste unserer Schwestern ihre Seele von jeder unge¬
ordneten Anhänglichkeit an das Vergängliche zu reinigen und Gott,
der sie für sich erschaffen hat, darin leben zu lassen. Die zweite fühlt
die Schwierigkeiten dieses Kampfes und die stete heimtückische Auf¬
lehnung der Selbstsucht, gibt aber nicht nach und fängt so an, die
Süssigkeit des neuen Lebens im Dienste des Herrn zu erkennen. Die
dritte und vierte Schwester gehen auf diesem Wege der Reinigung in
Sclbstprüfung und Reueschmerz weiter, werden bei ihrem ernsten
Streben nach Tugend und Heiligkeit innerlich immer mehr erleuch¬
tet, die Anfechtungen werden geringer, ja das Feuer inbrünstiger
Liebe zu Gott lodert durch dessen Güte bereits öfters in ihnen auf.
Die fünfte Schwester sucht mit Hülfe des inneren Lichtes mit den
Aufwallungen des Zornes bei Anstössen, die ihr der Nächste gibt,
nach Gottes Willen fertig zu werden, und hört nicht auf mit dieser
Uebung, bis sie in Gott auch jeden Mitmenschen in Liebe umfasst.
So lernt auch die sechste Schwester, Gottes Spuren in allen
Geschöpfen zu sehen, weil sie diese mit immer reinerem Herzen
betrachtet und nur für die von ihm gewollten Ziele zu gebrauchen
sich gewöhnt. Bei der siebenten Schwester ist diese Gleichförmig¬
keit des eigenen Willens mit dem Willen Gottes, soweit das auf
Erden möglich ist, vollendet: sie hat für alles andere keinen Sinn
mehr und findet nur in dem ihre Ruhe, was Gott gefällt. Dieser
höchsten Liebesvereinigung mit dem Schöpfer und Herrn erfreut
sich aber auch, ohne sich weiter davon Rechenschaft zu geben,
in ihrem kindlichen Gehorsam die Laienschwester Anna. Ihre stete
Gelassenheit ist eine Gottesgabe, die jedem geschenkt werden kann,
der sie mit gutem Willen entgegenzunehmen bereit ist.
'
8 f> Florenz Lnndniann
Das ABC des Geistes zählt das Bemühen von gerade sieben
Schwestern auf, wobei man an die sieben Gaben des Heiligen
Geistes denken mag,, von der kindlichen Furcht angefangen bis
hinauf zur Gabe der Weisheit. Die achte Schwester zeigt, wie auch
im Laienstande und Dienst der anderen diese Leiter der christ¬
lichen Vollkommenheit erstiegen werden kann. Zugleich wird die
Wahrnehmung nahe gelegt, dass, wo man in der Beschaulichkeit
auch stehen mag, die Möglichkeit weiteren Fortschrittes immer
gegeben ist, da ja das Mass der Gottesliebe nach einem Wort des
hl. Bernhard darin liegt, wie Gott selber ohne Mass zu sein 1 .
3. Wer ist nun dieser Bruder Thomas und sein Ordensgenosse
der Vater Göli?
Der Zeit und Zusammensetzung der Handschrift nach könnte
der erste der Franziskaner Thomas Murner sein; doch verrät
wenn man von der satirischen Note gegen Göli und der äusseren
Einkleidung der geistlichen Lehre absieht, auch keine Zeile die uns
bekannte Art und Gedankenwelt dieses Ordensmannes. Das ABC ist
nicht verfasst, die Sünden und Laster des Volkes zu treffen, son¬
dern beschäftigt sich mit dem höchsten Streben reiner Seelen, ihr
Ordensleben zur mystischen Liebesvereinigung mit Gott nutzbar
zu machen. Die für Göli eingestreuten lateinischen Texte sind von
der Abschreiberin (an eine solche hat man ohne weiteres zu denken),
grässlich verstümmelt wiedergegeben worden,einZeichen, dass die ge¬
brauchte Vorlage wohl älter war und ihrerseits schon derartige Män¬
gel an sich trug; nur die aus dem kirchlichen Chorgebet der Schwes¬
tern bekannten Texte und Wörter sind richtig geschrieben.
Dazu scheint mir auch die Form der deutschen Sprache — eine
elsässische, ja wohl strassburgische Mundart — zu verbieten, den
Verfasser weiter herunterzusetzen als in die Zeit der vom Eisass
ausgehenden Reform der Dominikaner- und Dominikanerinnen¬
klöster, die Zeit etwa des Ordenslebens von Johannes Meyer (1482-
1482), ihres so begeisterten Förderers und Geschichtschreibers 2 .
Es gab damals im Predigerorden bei den Observanten zahlreiche
Beichtväter und Prediger, die wohl imstande waren, das Wesent¬
liche der Geisteslehre so treffend wiederzugeben, wie es in dem
nun folgenden Schriftchen geschehen ist 3 . Die lange Reihe von
1 S. Bemardus, De diligendo Dcum, c. 1: Causa diligendi Dcum Deus cst, niodus sine
modo diligere. * Vgl. Annette Barthelme, La It('forme dominicaine au XV« sii-ole cn
Alsace et dans 1’ ensemble de la province de la Teutonie [Collection d’ Kindes sur 1' flistoire du
droit et des institutions de 1' Alsace, Fase. 7], Strassburg 1931, besonders S. 8 f.
* Man beachte etwa den Personalbestand des Baseler Prcdigerklosters und die Tätigkeit
der einzelnen Väter, die Meyer in seinem Jubiüiums- und Todesjahr 1482 gibt, bei G.M,
Löhr, Die Teutonia im 15. Jahrhundert [ Quellen und Forschungen zur Geschichte des Domi. '
nikanerordens in Deutschland, Heft 19], Leipzig 1924, 122*130.
Das ABC des Geistes von Bruder Thomas 01
Trägern des Namens Thomas aufzuzählen, lohnt sich nicht, da man
doch zu keiner Sicherheit kommen kann.
Soll trotzdem eine Vermutung ausgesprochen werden, so
möchte ich noch über Meyer hinaufgehen bis zu Thomas, dem
leiblichen Bruder Konrads von Prcusscn, des ersten Anregers der
Reform. Thomas hat mit diesem 1389 im Kolmarer Männerkloster
die Observanz begonnen, folgte ihm 1396 dort als Prior nach und
wirkte später in dem 1397 eröffneten Schwesternkloster zu
Schönensteinbach, dem Ausgangspunkt zahlreicher anderer Kloster¬
reformen, als Beichvater 1 . Es könnten seine acht Schützlinge
ein Zug von Schwestern sein, die er zur Einführung der Obser¬
vanz in ein anderes Dominikanerinnenkloster geführt hat. Die von
ihm verfasste Antwort an Vater Göli wäre dann fünfzig Jahre
später, bei der zweiten Rcformwclle, die von Schönensteinbach
ausging, in den Strassburger Frauenklöstern verbreitet worden,
und die Sprache hätte Strassburger Färbung angenommen.
Für Thomas von Preussen fällt auch ein Eintrag in dem
Totenbuch des Klosters von Kolmar ins Gewicht, ein Stück aus
dem Brief des damaligen Ordensgencrals Ravmund von Capua
an des Thomas Bruder, den Reformator Konrad, in dem gerade der
Gedanke ausgesprochen wird, den der Verfasser unseres Trakta¬
tes ausführt: «Ein heiliger Same ist uns geblieben in einigen
heiligen Brüdern, die den Erdengütern entsagt haben, die aber
als Kinder des Segens nicht mit leeren Händen zu uns kommen,
sie tun sich Gewalt an, die ewige Erbschaft zu erringen» 2 . Es
handelte sich ja bei der Observanz der Bettelorden immer in erster
Linie um das Zurückgehen auf die ursprüngliche Armut der Regel
zur leichteren klösterlichen Uebung der Gottes- und Nächsten¬
liebe, nicht unmittelbar um Abstellung sittlicher Missbräuche.
Ausgeschlossen scheint auf jeden Fall, dass Thomas und
Göli sowie der am Anfang und Schluss des ABC berührte
Vorfall zwischen ihnen nur literarische Fiktion sind, mag auch
das, was von der geistigen Haltung der acht in Frage kommen¬
den Schwestern berichtet wird, in dieser Stufenfolge des geist¬
lichen Aufstiegs im einzelnen nicht als geschichtlich genaue
Darlegung zu gelten haben. Es klingt uns hier doch ein ganz
anderer Ton entgegen als in den bekannten Machwerken Rul-
man Merswins.
1 Siehe über ihn —• er licisst mich Thomas de Grossis— Löhr 4D und Barthelmö 30. 32. 43.
Sollte mit seinem Ordensgenossen Göli am Ende der bekannte Strassburger Ingoldus Wild
(Löhr aaO. 52. 180) gemeint sein, der nie zur Observanz und insofern zu den Alten gehörte?
* Ch. Wittmcr, L’ Obituairc des Dominicains de Colmar [Publicntions de la Sociötd Sa-
yantc d’Alsace et de Lorraine, Fase. 3-4], Strassburg 1034-35; I, 25; II, S. VIII und 121 f.
C2 Florenz Landmann
[ Bl. 33: ] Anwurt b r fl d e r T o m a s in s ö 1 h e r
verwiß 1 Schaffners GMi des alten.
Lieber vatter! Am vorigen tage vor luten vß verwiß Hessen
ir mich an mit Worten vnsers harbringens 2 vnd ir kanten die
geister wol.
Nun ich sach 3 vch zu berichten: Geister erkenen mag kein
vinster oüge. Einem jeglichen ist sin herczigung vnd anligen sin
oüg. Der fleischunge 4 * saht* nit, W'as do ist des geistcs gotes, wen
sin anliggen vnd beherczigung ist eigen gesüche«. Dcshalp vrteilet dz
selp oüg noch fleischlichem amit 7 , hat falsch gewüht vnd mcß: cupi-
ditatem. Das nennet vnser herr: oculum nequam 8 , kennet nit geister.
Ist ein ander oüg, simplex, erlüchtet von der sunnen. Ihesu,
die sun, erlüchtet nit allein vserig 9 , sunder ouch hinnyn. Er liichtet
vnd empflemt 10 von innen gemiit der manschen, nit deren, die vff
sich selps gekerct in 11 selps strit sich machen. Dz selbe oug erken¬
net gcworlich geister vnd fleischer, erkennet bö s bös, gut gut,
falsch falsch, hat reht gewiehte; syeht ewiges vnd dz mittel
erberkeit, worheit vnd dugcnt; sehetzet erberkeit vbcr golt Vnd
edel gestern, hanget ir an mit begirden; fliht als 12 kot vnd mist
vnd wz mit der zyt, vergat.
Hetest dudiß oug,sprechest nit in rupfender wiß: Ich ken geister.
Dz fleisehoug ist nit wirdig zü erkenen, wz geister sint. Wusch ab
den rouch des nebels und sich an 13 ; hap des geistcs a. b. c!
Unser viii swestern hant mit in broht h u ß r o t vnd p 1 u n-
d e r. Ist nien nit 14 feil vmb alle din barschafft,huß, hof vnd renten;
mag nieman kouffen, entlehenen, wurt nit am weg funden; ist
Verachtung dem fleischougen vnd, wer es feil, blip vngekoufft.
Nonam latent quod cupiunt bonum nescire ceci sustinent 15 .
Die erste hat broht ein flahs hechcl von holcz vnd ysen.
Sy gedencket ires lesten 16 hülczig, hinrisich, wurmstichig; versmoht
in geworer armut des geistes 17 der weit iippikeit, lust, richtum,
gewalt, hoher state wirdikeit, rum vnd crc; versmoht die wcltj
versmoht niemen den sich, versmoht verachtet werden 18 ; ziihct sich
mit gewalt in tün on vnderloß durch hcchelzen, sövert sich von
irdischen, fleischlichem gemöl 19 , eglen, werck, dz sy werd luter flaß,
1 in solcher, so beschaffener, d.h. hier: Antwort auf die bekannte Zurechtweisung.
2 Will wohl sagen: unter Hinweis auf das bei uns Uebliche. a sage.
4 Adjektiv von Fleisch: der sinnliche Menseh. * sieht.
8 Siechheit, hier also: Eigensucht. 7 Amt, d.h. hier: im Dienste des Fleisches.
8 Vgl. Matth.6,23. 9 äusscrlich. 10 entflammt. 11 ihnen. 12 also. 13 sieh zu.
14 nirgends. 15 Die Wörter geben so keinen Sinn.
18 Das Letzte, Jüngste; gemeint ist w'ohl der Sarg: hölzern, rissig, wurmstichig.
17 Am Rande steht hier: paupertate. 18 Am Rande ist hier hinzugefügt: tymore,
19 Staub, Müll; vgl. Maulwurf.
Das ABC des Geistes von Bruder Thomas 63
herczens vnd gemutes zum tempel gotes; wurfft vs, drütet 1 vnder
ir füß dz schreezel, abgüttel, sich selpß; dz in ir stat hab vnd
[Bl. 3J5 1 ] vß ir leb nit sy selbs, sunder 2 Got ir Schöpfer. Vivo ego,
non ego, sed vivit in me Cristus 2 .
Die ander swester bat broht ein ohsenjoch mit roter syden
gefiltert. Syd ist die senffte des jochs Cristy; rot ist, dz alles
vnser verdienen vrsprung im liden Christi*. So sy mit der ersten 9 ,
vs vorhten der stricken zeitlicher ding, in geworer armut vnd demu-
tikeit der weit vnd ir selpc urlop geben hat vnd die flucht gehen
Iot\ sy sich yeezen gezemt 7 , mit absterben der vorderichen ding,
gütlich inwetten 8 in dz joch vnsers herren, lot nit ab in vorderi¬
chen Übung 9 , merek 1 ", dz on vnderloß vnkrüt im garten vff göt,
nimpt me vnd me war, wie schelcklieh sich dz apgiittel harfür
büttet 11 mit sinem eigenen gesuch on vnderloß. Vnd so sy weiß,
dz sy des nit wol ab mag gesin in dißer zyt — Quis liberabit a
corpore mortis buius ? — do gibt sy doch nit willen vnd stillet aber 12
mit steter iipung, so vil sy mag mit gnoden - Gracia domini nostri
Jhesu Christi 12 . Vnd so sy joch 14 etwen liden muß kummer vnd
pasyon der zufell, sygent sur oder er süß 1S , zwingt sy sich vnd
verwillget nit vnd lidet durch Got vnd siht von dag zu dag, wie
senfft dz joch des herren vnd licht sin biird 16 . Quit stolidis menti-
bus impreter etc. Et cum flumina gravi mole paraverint de hine
vana ago stat.im bona 17 .
Die iij. swester, ein ordeliclien rechenbuch mit klage. So sy
mit [den] ersten sieh übet im joch vnsers herren, so gont ir vff
ir inwendigen ougen vnd besäht sich im buchlin irer conczienc-
zien, beschowt sich in kunst der heiligen, vnd so sy me vindet
ungereehs, so sy me cklacht Verlust irer züt, smoheit ires Schöp¬
fers, schaden ires nestes 18 , sunder der seien, verzug ewiger selikeit.
Qui audit scienciam, addit dolorem 19 .
Die iiij. hat broht ein ftrgezäg mit gutem zundel. Weltlicher
üpikeit vnd nerscheit entrunen, jm joch Christi gebracht vnd iecz
gekocht in Übung der tugent, gesund worden vnd heil von läster¬
lichen antastungen, starek worden vnd hungerych, scleht [sy] vif 20 ,
I tritt. 1 Darüber steht: aber. * Vgl. Gal. 2,20.
4 Dieser Satz steht in der Mitte des Abschnittes, gehört aber hierher.
4 Nämlich: mit der ersten Solnvester. 6 Wohl: und beide ihre Wege gehen lässt.
7 Von: zämen; also: so zwingt sie sich jetzt. 8 hinein.
• Das heisst, wie sie die erste Schwester übt. 10 merkt
II hervorbietet, liervordräng!. 18 und besänftiget sich wieder.-
18 Vgl. Röm.7,24f. 14 auch. 18 sie seien sauer oder eher süss.
14 Matth. 11.30. 17 Diese lateinischen Zeilen geben keinen Sinn.
18 ihres Nächsten. 19 Vgl. Eccl. 1,18: Qui addit scientiam, addit et laborem.
' 38 sic schlägt auf, d.h. sie entflammt .... Feuer der Inbrunst.
64 Florenz Lancln.ann
so dig sy wil vnd ir got gint 1 , für der inbrynstvkeit vff dz zünde]
der tuget[B1.34]lichcr heilger neigung, so durch die vordcryche
vbung gestillet sint vnd gemiltret der wint der vnordelichen anvech-
tung, dz sy kein ding alß lüstet alß heilikeit des lebens. Cuus agi
fernis obtenipar iusticie summa libertas est. Viam mandatorum
tuorum [cucurri], cum dilatasti cor ineum 2 .
Die v. hat broht jm hertzen ein hunt an einem strick, heiset
zorn, hat iij ougen; der billet nit, den so sy wil. Ein oug siht ob
sieh, dz ander neben sich, dz iij. in sich. Das erste sich 3 smocheit 4 ,
die Got beschicht in sunten, dz ander syeht eilen 5 in Sunden ires
cbennen mönschcn, dz iij. sieht mögen vnd grimen* in ir selbes.
Ynd [sy] iundet vß rot 7 der iij ougen, dz ir zu herczen gon sol
aller meist smocheit ires heren vnd mitliden haben vnd sich erbar¬
men in eilende vnd Stichtagen 8 ires nesten vnd nit ahten, ob ir
smocheit vnd verachtunge gesche. Vnd wan sy beduncket, dz jeman
gedenck, arckwon, vrteil, red, tu oder losse, domit sy gcschediget,
snöder veralitet, dz sy doch nit lihtlich beduncken sol; so sy sin
aber gewiß oder sich arkwones nit erweren mag, so wiget 3 sy
für dz erste, dz ir here in dunde 10 ires nebnen gesmoht vnd
geschediget ist, vnd lostt den hunt am strick bellen, dz dz mugen
nit werd zorn vber iren ebenen, der do stroffpar sy. Dar noch
bedenckt sy eilend ireß ebenen in sunden, mit denen sy veralitet
geschediget; zürnet nit sy[n] — nequicia myseros. Vnd so sv r empfin¬
det, dz in ir vff gestanden ist dz mügen dorvmb, dz sy verachtet
ist, also sy wenet, so lidiget sy den hunt vom stryckel vnd heezet
mit beden henden den hunt in ir apgöttl eigens gesuchs 11 vnd
spricht: Mach dich hin hinder, du schalck in der hüt 12 , du ne-
quam 13 , man sol dich nit anbetten. Regi seclorum immortali invi-
sibili, soli deo honor et gloria 14 .
Dise Übung hat sy on vnderloß, biß dz sy in allem dem, dz
ir erbotten wurt, allein sucht die ere ires heren, des 15 nucz vnd
reverencz, also ein getruwe dienerin sich besmanpt 1 * z fl zühen in
irem sack. Des sy öch gebot haltet in irem nesten, irem ebenen
in erbermd vnd mitliden, vnd do mit blipt sy in gunst vnd
1 Von gunnen: gönnt. Also: so oft sie will mit Gottes Gnade,
7 Der erste Teil ist unverständlich, der zweite findet sieh Cs.118.32. 1 sieht
I Am unteren Rand ist liier durch ein Zeichen der erklärende Satz nachgetragen-
vermlefft jagt, versteniß sieht, affeccio grifft. 8
5 «eilen» heisst Kampfeifer; doch steht cs hier wohl für. eilend., das gleich nachher folgt
“ Aerger und Wut. 7 aus rat, d.h. mit Hülfe. • Siechtagen, d.i. Krankheiten.
» erwägt. 10 Wohl: im Tun. Oder ist dafür ,sunde’ zu lesen?
II Eigensucht. 11 Haut. Das Wort wird selber als Scheltwort gebraucht für Weih
“Lesung zweifelhaft. 14 l.Tim.1,17. 44 dessen, d.h. seinen.
14 Das Wort ist wohl eine Erwcitenlngsform von smaehen, sinan, d, h. hier: geringfügig
behandeln; das nachfolgende zühen ist unser zeihen, beschuldigen; doch ist der Sinn des Satzes
nicht klar. «Sack» bedeutet vielleicht dasselbe, wie vorher < hüt*.
Das ABC des Geistes von Bruder Thomas 65
ewigem friden mit ieder man. Vnd dz ist krüger 1 vnd geworzeichen
der cristcnen vnd hoehzit wappenkleit. O felix hominum genus!
In solcher freiden vnd frynsschafft hat der schoffer züsamen
verwidmet 2 die liimel vnd ele[Bl. 34‘]ment, dz sy von ein ander
geben vnd nemen vngeloczet ires ewigen blibens 3 . Dz ist celum.
Die vj bringet ein ougspiegel bedarff. Wen ir ist ein oug schel;
dz wil stetes mit der geiß zu in wähl. Vnd dz ander vinster zu
Gott zu sehen. Mit der prillen zwinget sy dz ein oug, in sich zu
erkennen' vnd zü süffren bresten vnd sund biß vff den mynsten
quandranten mit rot eines getruwen erfarnen bichters zu reinygung
ires hereczen. Do durch [zwinget sy] dz ander oüg vß gereinigten
herzen vnd gemut scncken* vnd gespuren suchen, vinden vnd
merken den sch S ff er in allen creaturen, mit den seihen 5 hand-
len vnd gebruchen in syner angesüht, noch willen sins getlichen
wollgefallens.
Die vij. hat praht ein selczen" dier mit einem oügen; mit
s fi ht es vnd höret vnd hat sust kein oren. Dz oug ist hininn
gekert, ist blint vnd doup harvsß; nimt sich nit an, wz ieder-
man dut oder lat, lat liuß wz in ir 7 geschuht, wan es schon ir
zu tracz geschüht; berurt sy nit, wan sy lat es nit hinnyn. Des
türes oug süht es nit. als ob es nit Wer. Es syht allein innyn,
wz Got im herczen redt. Wz nit got vnd gotes ist, lüstet sy nit,
tut keinen anschick, der wider Got. Sy sucht öch nit mitel Got
vngefelig; wartet on groß verlangen, AVer dz wz kimfftig 6 , nimpt
vff mit danckberkeit vnd gedult, wie es kumt; tut doch wz
des iren [sy] tun sol, dz sy nit 9 schuld hab der versümniß. Wen sy
weiß, dz niemen gerren mag den ewigen anstag 10 gottes. Pace
sapiencia hiemit ist sy züfriden in allen dingen vnd rügt 11 in
Got. — Tu requies tranquilla, in te, eterne, finis 12 .
Die viij. ist ein leigswester 13 , heißet Anna. Wie man den na-
men hinder sich vnd für sych [lesen will], ist Anna. Wie man
sy ankumt, ist [sy] glichmütig vnd frölich vnd gehorsam. Hat
broht die röstpfann Ezechielis 14 . Beati eritis, cum vos oderint etc
et dixerint non mirtentes propter nomen meum 15 . Alles dz die
1 Losung, Feldgesehrei, von crier. 1 gestiftet, gegründet, bestimmt.
• ungehindert (von letzen, d.h. hemmen) in ihrem ewigen Bestand. Am Rand steht hier
iinks oben: caritas virtus. 1 Wohl: sich zu senken.
• mit den solchen, d. h. mit drn Geschöpfen. * seltsames. 7 an ihr, ihr gegenüber.
• Hier scheint ein Zeitwort zu fehlen, oder man muss umstellen: dz wz kimfftig wer.
9 Hier folgt eine Wiederholung: dun sol. dz sy nit.
10 Wohl: Angsttag, Gerichtstag, der die Ewigkeit einleitet. 11 ruht.
14 Es ist der allen Mystikern vertraute Gedanke des hl. Augustinus. Confessiones I, 1.
14 Laienschwester. 14 Ezechiel 24, 3 ff.
14 Vgl. Luk. 0,22 und Matth. 5,11; 10,20. Die Stellen sind fehlerhaft wiedergegeben.
cc
Florenz Lnndmnnn
fleischer argwenec vrtcilcnt, murirlent, thunt, schai'fent, gedon,
fluchent wider die geister, cntphlet 1 sy in die röstpfann. Dor in
lot sy dz brudlen, [Bl. 35] nimpt sieh sin nit an, riirt ir ir hercz
nit, bitten Got für ir vinsterniß: Da luee reperta in te eonspicius
annum, ansungra visus*.
Alle diße hant 3 . Gemeine ist aller, dz yeglicher dißer hußrot
wurt nit alt, slisset nit; so man in me brucht, so er sterker vnd
beser wurt, vnd die wyl sy dißen plunder vnd husßrot pruchen,
mögen sy niemer me niangel haben.
Bit Got, myn vatter Göly, dir des hußrotes etwz zu geben.
So du des hast, so sprychest du: Gebeniget sint die geister, vnd
wursch nit me forschen: Wz hant sy praht? Got sy mit vns!
1 entvlochen, d.h. durch die Flucht entziehen; hier also: entfernen, wegtun.
* Bleibt so unverständlich. s Das heisst: haben Besitztum.*
* Zur Sprachform und ihrer Wiedergabe. — Wir haben <len Text gegeben, wie er in
der Handschrift vorliegt; nur wenige offenbare Flüchtigkeitsfehler sind verbessert. Hei den
Zeichen über den Selbstlauten o und u konnte man oft im Zwcirel sein, zumal der Schreiber
sich nicht treu bleibt und sie häufig ganz, fallen lässt; v Und v mit darüberstehendem e sind
als ü und ye wiedergegeben. Aunli der fortwährende Wechsel in der Schreibart gewisser
Wörter ist beibehalten. Er ist ein Gebrechen vieler mystischer deutscher Texte und gellt zum
Teil nuf die starke Vervielfältigung, besonders durch Solireiber verschiedener Mundarten
zurück. Dass die Sprachform alemannisch, niiherhin elsässisch ist. lässt sicli nicht bezweifeln
Strnssburgisehe Färbung erscheint etwa in Ausdrücken wie; in sölher = in tl’scller; gewühl
vnd meü; nie nit feil = niencz feil; hinder sich und für sich = von rückwärts und vorwärts-
werck = Werg; wursch -- du wirst. Stoff zu näheren Vergleichen, besonders mit der Sprache
Taulers, Geilers, lirnnts und Murners, bietet das aus den Sammlungen von Karl Schmidt
hergestellte Historische Wörterbuch der elsässischen Mundart, Strassburg 1001, sowie sein
Wörterbuch der Strassburger Mundart, Strassburg 1890. So findet sich, um hier nur einiges
unzufiihren. verwissen, verwissung = Vorhalten, Vorwurf bei den drei letztgenannten-
berichten = belehren hei Murner, der von den Kindern sagt: «Wie sie von dir berichtet
werden, gleich kiinnent sie die selben berden » OJarrcnbescliwöning, Ausgabe Ccedeke 110I-
herczigung = Affekt bei Geiler; gesfleh = Verlangen bei Rulmnn Mcrswin; verwilligen = ein-
willigen bei Geiler, der « Hüsc hertzigungen, die ein menscii empfindet, aber nit darumb darin
verwilliget », entschuldigt (Jrrig Schaf 11, 2a); lüsten = gelüsten bei Braut: «Der hat worlich
doreelit glast, wen hie die leng zu leben Inst» (Narrenschiff, Ausgabe Zurnckc 45); eben-
mcnsch = Mitmensch, Nächster bei Tauler, Geiler und Brunt; mügen = ärgern etwa bei
Geiler: «Es hat verdrossen und gemiigt die gesehriftgelerten» (Postill 2,40a); smochcit =
Schmach bei Tauler und Geiler; sieehtag = Krankheit bei allen; verwidemen = weihen
bestimmen bei Geiler, der von Christus spricht: « Jnderaals er menscii worden ist, und göttlich
natur und menschlich natur also zusammen verwidemet und gemehelet scind worden in ein
Person» (Postill 3, 95b); augenspiegei = Brille, beide bei Geiler usw. Schmidt hat nls Beleg-
steilen zu den einzelnen Ausdrücken so viel wie möglich solche gewählt, die zugleich die
Anschauungsweise und Redensarten des Volkes kennzeichnen. Obschon in dem ABC von Bruder
Thomas die Empfindung breit und reich ausgedrückt ist, findet sich doch nur eine Anlehnung
an eine sprichwörtliche Redensart: das scheele Auge der sechsten Schwester < wil stetes mit
der geia zu in waid». Im ganzen ist die Sprache rein und edel wie hei unseren grossei
Mystikern.
y-\
Krankenpfleger- und Gesinde-Ordnungen des Grossen
Spitals zu Strassburg aus dem 15. Jahrhundert
Von Jakob Gabler
Es steht noch in Erinnerung, wie sehr die Verwaltung des
Grossen Spitals zu Strassburg Wert darauf legte, die geistliche
Betreuung der Kranken und Sterbenden sicher zu stellen. In
besonderen Ordnungen, die auch das Kleinste nicht übersahen,
wurde der Aufgabenkreis der Spitalkapläne umschrieben und auf
gewissenhafte Erfüllung der darin festgelegten Pflichten gedrängt 1 .
In die Leitung der vielgestaltigen Spitalökonomie teilten sich in
weiser Unterordnung die verschiedenen Beamten: Pfleger, Schaff¬
ner, Zinsmeister, Meisterin und Küsterin 1 . Ihr einträchtiges
Zusammenarbeiten gewährleistete eine reibungslose Abwicklung der
Geschäfte. In unmittelbare persönliche Fühlungnahme mit den
Siechen traten aber nicht alle Verwaltungsorgane. Dies war
Sache von untergeordneten Hilfskräften. Als solche begegnen uns
in Sonderordnungen vorerst die Schwestern, dann der Siechen¬
knecht und schliesslich der Totengräber.
Für den Dienst beim Kranken hatte man im Strassburger
Grossen Spital viel Verständnis. Schwestern, die in älterer Zeit
eine ordensähnliche Vereinigung bildeten, im Spätmittelalter aber
nur noch den Namen führten, wirkten in Küche und Kranken¬
saal. Ihr Verhalten den Pflegebedürftigen gegenüber sollte von
christlicher Liebe bestimmt sein. Warmes Mitfühlen sollte sie davon
abhalten Kranke barsch anzufahren. Opferwilligkeit durfte durch
keine Zuwendungen irgendwie geweckt oder gefördert werden,
lieber die treue Einhaltung der Ordnung und die sittliche Füh¬
rung der Schwestern wachten Schaffner und Meisterin.
1 Jakob Gabler, Bibliothekskatalog, Schatz Verzeichnis und Dienstanweisungen des Grossen Q
Spitals zu Strassburg aus dem 15. Jahrhundert, in: ArchfElsKg 13(1933) 71-140.
* Jakob Gabler, Die Ordnungen der Verwaltungsorgane des Grossen Spitals zu Strass¬
burg aus dem 15. Jahrhundert, in: ArchfElsKg 15(1041-42) 25-72,
1>)Q I
ARCHIV FÜR ELSÄSSISCHE
KIRCHENGESCHICHTE
im Aufträge der Gesellschaft für
ELSÄSSISCHE KIRCHENGESCHICHTE
HERAUSGEGEBEN VON
JOSEPH BRAUNER
SECHSTER JAHRGANG
1 _ 9 _ 3 1
Eigentum der Gesellschaft für Elsässische Kirchengeschichte in Strassburg im Eisass
KOMMISSIONS - VERLAG VON HERDER & C<>, FREIBURG IM BREISGAU
für Deutschland, Oesterreich und Nachfolgestaaten, Schweiz, Nordische Länder und
Vereinigte Staaten von Amerika
X
l \$ 4- '
n
Inhal ts-Uebersicht
VII
Inhatts-Uebersicht
Die Benediktinerabtei St. Walburg im Heiligen Forst. Von L. P f 1 e-
ger .. 1-90
Das Gründungsjahr. Die erste Klosterzelle 3-7. Die Abtei und ihr
rascher Aufstieg durch staufische Gunst 7-11. St. Walbuig und die
Hirsauer Reform 11-13. St. Walburg als päpstliches Eigenkloster. Die
päpstlichen Privilegien 13-19- Pas Verhältnis der Abtei zum Reich 19-23.
Das Herrschaftsgebiet der Abtei 23-28. Zur Wirtschaftsgeschichte der Abtei
28-31. Abt Burkhard von Müllenhcim 31-35. Die Abteikirche 35-38. Innerer
Verfall. Die Bursfelder Reform 38-42. Der Untergang der Abtei 43-45.
Regesten zur Geschichte der Benediktinerabtei St. Walburg 45-90.
Die Abtei St. Walburg als Besitz der Pröpste von Weissenburg und
Bischöfe von Speyer 1545-1684. Von EmilClemensSche-
rer . 91-115
Die Verwaltung der Abtei durch bischöfliche Vögte 91-106. Zustand
St. Walburgs am Ende des Dreissigjährigen Krieges. Die Verpachtung
der Abteigüter 106-115.
Die Schicksale der Abtei St. Walburg von 1684 bis 1796. Ein Bei¬
trag zur Wirtschaftsgeschichte des Strassburger Priestersemi¬
nars. Von Emil Clemens Scherer . 116-188
1. Der wirtschaftliche Wiederaufbau der Abtei St.Walburg und ihre
Ausbeutung durch die Jesuiten 1684-1764: 124-162.
Die Herrschaft St.Walburg, ihre Rechte und Freiheiten 127-135.
Die Feldwirtschaft. Der Ertrag an Getreide 135-144. Der Ertrag der
Weiher und Wälder 144-151. Die herrschaftliche Verwaltung 151-160.
Seelsorge und Gottesdienst 160-162.
2. St. Walburg nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu bis zur Fran¬
zösischen Revolution 163-188.
Die Verwaltung von St.Walburg 166-171. Gotteshaus, Gottes¬
dienst und Schule in St. Walburg 171-177. Die Erträgnisse aus St. Wal¬
burg 177-182. Die Französische Revolution. St. Walburg als National¬
gut und dessen Veräusserung 182-188.
Die Unbefleckte Empfängnis Mariä in der Predigt zweier Strass¬
burger Dominikaner und Geilers von Kaysersberg. Von F 1 o-
renz Landmann . 189-194
Zur handschriftlichen Ueberlieferung Gellerscher Predigttexte.
Von L. Pfleger . 195-205
Die Handschriften 195-203. Daniel Sudermann 203-205.
4
I
i
♦ Von den zwölf schefflin*. Eine unbekannte Predigt Geilers von
Kaysersberg. Erstmalig herausgegeben von L. Pfleger.... 206-216
Zwei Andachtsübungen von Strassburger Klosterfrauen am Ende
des Mittelalters. Von Florenz Land mann . 217-228
«Mit Jesus in die Wüste gehen» 218-222. «Die geistliche Meerfahrt»
222-228.
Geilers Seelenparadies im Verhältnis zur Vorlage. Von Adolf
Vonlanthen . 229-324
Einleitung. Das Seelenparadies und seine Vorlage 229-239.
1. Das Seelenparadies als Uebersetzung 239-265.
Ziele der Uebersetzung und vergleichender Nachweis 239-259. Arten
der Uebersetzung 259-265.
2. Das Seelenparadies ab Kommentar 265-320.
Feststehende Wendungen 266-269. Praktische Anwendungen und
Kasuistik 269-274. Bestände aus Bibel, Patristik und Liturgie 274-280.
Entlehnungen aus der Scholastik 280-292. Motive aus der Mystik 292-301.
Anklänge an Humanismus und Predigtmärlein 301-308. Bildhaftig¬
keit des Stils 308-320.
Schluss. Ergebnis 320-324.
Die Seelsorgetätigkeit der Moisheimer Jesuiten von 1585 bis 1764.
Von Medard Barth . 325-400
Predigt und Katechese 328-342. Die Seelsorge im «protestantischen»
Strassburg. Das Ende einer Legende 342 - 345 - Die Moisheimer Jesuiten
und die katholische Restauration 346-35°- Reformwirken. Volksmissionen,
Standes- und Privatexerzitien 35o- 3 6r. Die Pflege des Andachtslebcns
361-371. Seelsorge bei besonderen Anlässen 371-375. Förderung elsäs-
sischer Wallfahrten [Altbronn, Laubenheim, Neunkirch, Wiwersheim]
375-386- Sakramentenempfang als Frucht der Seelsorgearbeit. Die natio¬
nale Zusammensetzung des Kollegs 3S6-390. Exorzismen und Bekämpfung
des Aberglaubens 391-394. Verhältnis der Jesuiten zum Moisheimer Pfari-
klerus und zum Bischöflichen Ordinariat 395-399. Nachtrag 423.
Kleine Beiträge
Der Kult der heiligen Elisabeth im Eisass. Ein Gedenkblatt zu ihrem
700. Todestag. Von L. Pfleger . IX
Eine Legende der hi. Attala, deren Handreliquiar und Kult. Nach¬
träge von M. Barth . 401
Zur Geschichte der Primizleiern im Eisass. Von L. Pfleger . 404
Das Fasten- oder Hungertuch im Eisass. Von M. Barth . 406
Ein missverstandener Strassburger Messkanon vom Jahre 1507. Von
L. Pfleger . 408
Die Strassburger Synodalstatuten des Bischofs Erasmus von Limburg
und Georg Wicelius. Von L. Pfleger. 410
y in Inhalts-Uebersicht
Der Brand von Dompetcr im Jahre 174C. Von M. Barth . 413
Der Strassburger Seminarist Pierre Cusscnot 1791. Von A. I< Im¬
men a u e r . 415
Die religiöse Lage der Katholiken Colmars im Juni 1792. Von Jos.
Brauner . 410
Die St. Sebastianus-Kompagnie von Rappoltswciler. Von M. Stcehr 418
Louis Bautain als Verfasser von Schulbüchern. Von L. Pfleger... 420
Ein Beitrag zur Geschichte des Strassburger Ordo. Von F. R e i b e 1 422
Die Molsheimer Jesuiten und das Strassburger Diözesan-Gesangbuch.
Von M. B a r t h .'•. 423
Der Kult der heiligen Elisabeth im Eisass
Ein Gedenkblatt zu ihrem 700. Todestag. Von L. Pfleger
Am 19. November 1231 starb die heilige Elisabeth; bereits am 27. Mai
1235 wurde sie von Papst Gregor IX heilig gesprochen. Obschon sie eine der
populärsten Heiligen des deutschen Mittelalters war, ist ihre Verehrung im
alten Bistum Strassburg auffallend gering.
Der im 16. Jahrhundert lebende Strassburger Chronist Daniel Specklin
hat eine Notiz überliefert, die, wenn sie wahr wäre, für unser Eisass grosse
Bedeutung hätte. Er schreibt nämlich: «Als die predigcrmönche, die bischof
Heinrich in Strassburg gebracht, noch in ihrer klause wohnten, und S. Els-
beth, eine geborene königin aus Ungarn, Iandgrafcn Ludwigs aus Hessen
gemahl, auf S. Ottilienberg gewesen und zu Strassburg S. Atila und viel heilige
oerter besucht, hat sie vor sechs jahren zwei platze erkauft, da die prediger,
in dem einen vir männer, in dem andern vir frauen, sollten wohnen, und beide
dem orden geschenkt»’. Leider ist diese Nachricht, wie so vieles andere von
Specklin Gemeldete, eine unverbürgte Fabel. Keiner der zeitgenössischen
Biographen der Heiligen meldet etwas Von ihrer angeblich im Jahre 1224
erfolgten Reise ins Eisass und auf den Odilienberg. In seiner blühenden Phan¬
tasie hat der Chronist zwei Angaben aus Königshovens Chronik in seiner
Weise kombiniert. Königshoven meldet kurz den Tod der heiligen Elisabeth,
und zwar irrtümlich für das Jahr 1234, und schliesst unmittelbar daran die
Tatsache von der Gründung des Strassburger Predigcrklosters: «Zu diesen
ziten buwetent die Bredigere ja selber ein klostcr und kirche das ignote heisset
tantElsebcth kloster uswendig Strosburg » J . Die Reise auf den Odilienberg, die
Pilgerfahrt zu St. Attala in St. Stephan und die Schenkung von Gütern an den
Dominikanerorden hat Specklin glatt erfunden. Mit diesem Orden hat St. Elisa¬
beth, die mit den Brüdern des hl. Franziskus, zu dessen Dritten Orden sie
gehörte, aufs engste verbunden war, nie die geringste Beziehung gehabt.
Um so mehr muss es uns wundern, dass gerade die Predigerbrüder ihren
Kult zuerst ln Strassburg einführten, indem sie im Jahre 1238 ihre erste
Klosterkirche der hl. Elisabeth weihten®. Diese Kirche stand damals vor den
1 Rod. Reuss, Les Collectanees de Daniel Specklin [Fragments des anciennes chroniques
d’Alsace, z. Bd.], Strassburg 1890 , 88 n. 884 . 1 Bei C. Hegel. Chroniken der deutschen
Städte, 9 . Bd. Leipzig 1871 , 742 . * Charles Schmidt, Notice sur le Couvent et l'Eglise
des Dominicaias de Strasbourg, Strassburg 1876 , 6 .
183
Emil Clemens Scherer
kräftigen Käufer, dem Bürger Johann Schneider aus Landau, um
25.336 Livres zugeschlagen.
❖
Ueber die ferneren Schicksale der ehemaligen Abtei ist wenig
mehr zu sagen. Sie wechselte noch mehrmals den Besitzer. Am 9.
März 1801 verkaufte Schneider sein Besitztum an Johann Nepomuk
van Reccum. Dieser starb jedoch schon mehrere Monate später, im
Oktober 1801, und aus seinem Nachlass ging das Gut am 12. Oktober
1805 in die Hände des Hagenauer Kaufmannes Michael Peter Saglio
über, der auch die alten Abteiwaldungen wieder erwarb. Saglio war es,
der die Abteikirche der Gemeinde Walburg schenkte und sie auf diese
Weise vor der Gefahr der Profanierung bewahrte, der in jenen stürmi¬
schen Zeiten so manche alte Klosterkirche verfiel. Michael Ignaz
Saglio, der Sohn des vorigen, starb 1878 ohne männliche Erben.
Walburg ging daher auf seine älteste Tochter, die Frau des Barons
Achilles Charpentier über. Des letzteren Sohn Florenz Charpentier
verkaufte das alte Klostergut im Jahre 1890 an den deutschen Indu¬
striellen I laniel. Dreissig Jahre später, nach dem Weltkriege, gelangte
es wieder an einen Nachkommen der früheren Besitzer zurück, in
dessen Hände es sich heute noch befindet 1 .
1 Vgl. Germ. Wenger-Charpentier, L’abbaye de Sainte-Walpurge, in: La Vie en Alsace
1930, 110-115.
Die Unbefleckte Empfängnis Mariä in der Predigt
zweier Strassburger Dominikaner und Geilers von
Kaysersberg
Von Florenz Landmann
Der Kodex Ms. germ. 4° 434 der Berliner Staatsbibliothek (35
Papierbll., 15. Jh.), aus dem Besitze des Strassburger Arztes Daniel
Sudermann (um 1600) 1 , ist ein Sammelband von Resten älterer Kodizes
•und enthält folgende Stücke in elsässischer Mundart:
1. Mechtildis von Hackeborn: Liber specialis gratix, in Uebersetzung,
Anfang und Schluss fehlen; Bll. 1-24». — 2. Zierer, Johannes, Lesemeister und
.Beichtvater zu St. Nikolaus in undis in Strassburg: Predigt am Tago von
Mariä Empfängnis 1479, Anfang fehlt; Bll. 25-31. — 3. Eino Notiz über den
Streit um die Unbefleckte Empfängnis; Bll. 31-32». — 4. Eine Antwort des
Bruders Thomas auf einen Verweis * Schaffners Göli, des Alten»; Bll. 33-35*.
Das Stück 3 ist — bis auf den Zusatz am Schluss — am
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts von derselben Hand geschrieben
•wie Stück wahrscheinlich in einem Strassburger Frauenkloster
und nach einer Vorlage, die der Schreiberin von einem Geistlichen
zurecht gestellt worden war. Die zwei Stücke verdienen allgemeinere
Aufmerksamkeit als Illustrierung und Ergänzung dessen, wasL. Pfleger
über den Streit um die Unbefleckte Empfängnis Mariä in Strassburg
am Ende des Mittelalters hier ausgeführt hat*.
1 Ich verdanke die nähere Kenntnis der Handschrift der gütigen Vermittlung von
.Herrn Professor Dr. Medard Barth in Strassburg.
1 Vgl. H. Degcring, Kurzes Verzeichnis der germanischen Handschriften der Preussi-
sehen Staatsbibliothek, II. Die Handschriften in Quartformat [Mitteilungen aus der Preussi-
schen Staatsbibliothek, 8. Heft], Leipzig 1926,78. .
* Luz. Pfleger, Die geschichtliche Entwicklung der Marienfeste in der Diözese Strass¬
burg, in: ArchfElsKg 2(1927) bes. 47 ff. Franziskanische Predigtstoffe, in denen die
•Lehre- vorder .-Unbefleckten Empfängnis Mariä oder aber ihrer Heiligung behandelt. wird,
siehe b^i Fl.. Landmann, Die spätmittelalterliche Predigt der Franziskaner-Kohventualen
nach den andschriften’der Ko’nsistoriälbibliothek zu-Colmar, in: ArchfElsKg 5 ^ 93 °)
S. 31 (Cod. 90,2), 52 (Cod. 1678,2), 57 f (Cod. 1940,5.10) und 65 ff (Cöd. 1952,1.15).
190
Florenz Landmann
1. Das erste Stück, eine Predigt, trägt am Schluss (Bl. 31) die
Bemerkung: «Disse bredige het gedon der erwürdige lesemeister
vatter Johannes Zierer, bihter der andechtigen swestren zü Santen
Matheus vnd zü Santen Nicolaus in undis zu Stroßburg, brediger
ordens, vff dz hochzit concepcionis beate Marie. Anno domini MIIII 0 -
LXXIX jor». Die Frauenniederlassung St. Nikolaus in undis gehörte
seit 1431 zu den von Schönensteinbach aus reformierten Dominikane¬
rinnenklöstern. Wir haben also in dem Lesemeister und Beichtvater
Johannes Zierer, der dort 1479 am Feste Mariä Empfängnis predigte,
ein Mitglied des Dominikanerordens zu sehen. Nach dem Registrum
litterarum des Ordensgenerals in Rom war er am 15. Januar 1478 vom
Lektorat des Konvents in Ulm auf diesen Posten berufen worden 1 .
Aufbau und Inhalt seiner Predigt sind ganz dominikanisch.
Obschon der Anfang fehlt, geht aus dem Ganzen doch hervor,
dass der Vorspruch lautete: Nondumerantabyssietegoiamconcepta
eram, Prov. 8,24. Die Anwendung auf Maria, immer im Verein mit
ihrem Sohne, macht der Prediger grosszügig und kühn in der Ein¬
teilung: «Zü dem ersten ist sü empfangen götlich, zü dem andern
engelschlich, zürn dritten mo e nschlich, zü dem Vierden schrifftlich
vnd zü dem fünfften mütterlichen» (Bl. 25 v ). Die Ausführung dieser
Punkte ist kurz und eilt rasch vorwärts; abgesehen vom ersten Punkte
enthält sie keine Unterabteilungen. Zur Erklärung der vier ersten
Teile schickt der Prediger voraus, dass hier unter Empfängnis ein
geistiges Empfangen gemeint sei: «Also wz ein verstentlich wesen,
gescho e ppfet oder vngescho 8 ppffet, ernstlich fürnimet jn siner ver-
stentniß, vnbewegelich, dz wurt genant ein enphohunge».
So hat Gott von Ewigkeit her den unbeweglichen Willen gehabt,
in der Zeit zu erschaffen «ein heiliges jungfrowelin, die do wer ein
müter sines eingeboren süns, ein kamer des heiligen geistes, ein porte
des paradyses, ein künigin der himelen vnd ein versünerin alles
mo e nschlichen geschletes 3 » (Bl. 26). Wie sie in zehn Stücken wieder
gut machen sollte, was Eva gefehlt, das wird hier des längeren aus¬
geführt. So konnte sie sagen: «eb die abgrund gemäht wurden, do
wz ich enpfangen, dz ist göttlichen in siner ewigen fürbildunge »(B1.27).
■ Vgl. D. M. Reichert, Registrum litterarum 1386.1480 [Quellen und Forschungen
■zur Geschichte des Dominikanerordens in Deutschland, 6. Heft], Leipzig ton.tzi.
3 Es-sind dies Anklänge an-das dem Papste Sixtus IV Zugeschriebene Ablassgebet
das Pfleger aaO. 53 zitiert.
Die Unbefleckte Empfängnis in Strassburger Predigten
191
Die zweite Empfängnis Mariä war, als ein Teil der Engel mit
Luzifer, dem höchsten Geschöpfe Gottes, gefallen war und Gott
dem andern offenbarte, dass er sie durch Maria und die Menschen
ersetzen werde: «Do enpfingen die heiligen engel die verheissunge
jn jr gedehtniß vnd dz jungfrowelin in jr liebe mit grossen fro e iden
vnd lopten got den herrn» (Bl. 28). — Die menschliche Empfängnis
fand nach dem unglücklichen Falle Adams und Evas statt, als Gott
Feindschaft setzte zwischen der Schlange und dem Weibe: «Do wz
ich enpfangen jn den herczen der ersten eitern» (BI. 29 T ). —Damals
gab es noch keine Heilige Schrift, aber nachher folgte die «gesehriff-
liche » Empfängnis, indem Maria in den Weissagungen der Propheten
und den Vorbildern des Alten Testamentes von dem auserwählten
Volke erkannt wurde.
Endlich die fünfte, eigentliche,«mütterliche» Empfängnis. Joa¬
chim und Anna haben ihr Kind von Gott erworben durch Gebet
und Almosen, und, was wuchtiger ist, diesKind wurde bei der Empfäng¬
nis auch gleich geheiligt, weit mehr geheiligt als Jeremias oder Jo¬
hannes der Täufer oder irgend ein Heiliger. Hier erkennen wir den
Dominikaneri Der Prediger erwähnt mit keinem Worte die Erbsünde,
von der Maria bewahrt worden wäre. Er stellt den Vorgang von der
positiven Seite dar und nennt als Festgeheimnis die Empfängnis
und ausserordentliche Heiligung Mariens. Doch fügt er gleich, wie
um sich zu entschuldigen, hinzu, dass von einer gnadenlosen Emp¬
fängnis keine Rede sein könne, sondern als die Seele Mariens erschaf¬
fen und mit dem Leibe vereinigt wurde, sei sie auch gleich mit dem
Flusse aller Gnaden übergossen und mit allen Tugenden erfüllt worden.
Um einen Vergleich mit anderweitigen Aeusserungen zu ermög¬
lichen, sei dieser ganze fünfte Punkt der Predigt nebst ihrem Schlüsse
hier wiedergegeben (Bl. 30 v ):
«Die fünfltc enpfohungo der seligen jungfroweMarie ist mütcriichc, vnd
die ist drüvaltiklichcn gewürdiget 1 :
Züm ersten so ist die selbe mütcriichc enpfohungo von got erworben gar
andehtiklichcn vnd wirdiklicli; wenn jr cltrcn Joachim vnd frowc Anna heilik-
lichcn lep.ten xx jor vnd got cmczklichon boten vmb ein frucht, vnd also mit
gebott vnd almüssen erwurbent sü die selige frucht von got.
Zü dem andren so ist sü gar hochwürdoklichen gcheiligot worden, vnd die
selbige enpfohungo vnd gcheiligungc begot die heiligen kristelich kirch also
1 Es sind im folgenden aber nur zsvei Punkte ausdrücklich angeführt.
192
Florenz Landraann
hüt hochzitlich, wenn sU vorro (= weit) würdiger ist denn dio gcheiligungo
Jhcremie oder sant Joliannes Baptista noch keins heiligen.
Nit bogont wir die enplingniß, die nit gnoden enpfenglichen ist, sunder
dio enpfengniß, do dio niaterie geschickt wz vnd die selc geschaffen wart vnd
dem übe zft geffiget, do het sü der fluß der gnoden übergossen, also geschribcn
stot: fiuminis impetus, der fluß der Wasser hot orfro«wet dio stat gotz 1 . (BI. 31)
Jo, der fluß aller gnoden het Vbergossen vnd erfrewet die seien der jungfrowen
Mario vnd sü erfüllet mit allen fügenden.
Sü wolle vnß erwerben von jrmc geminton sün Jhesu Christo reinigunge
von allen vnsren sünden und gcheiligungo vnsers lebens vnd die bcsiczung
dos ewigen lebens. Amen».
2. Mit diesem Prcdigtschluss wollte sich nun derjenige, der das
Stück zur erbaulichen Lesung für die Klosterfrauen zunächst herge¬
richtet hat, vielleicht ist es Zierer selber gewesen, nicht begnügen.
Der Streit, ob Maria ohne die Erbsünde empfangen sei oder nicht,
war nämlich unterdessen neu aufgelebt. Im Jahre 1483 verurteilte
Sixtus IV die Lehre einiger Dominikaner, dass die Immaculatadoktrin
häretisch sei; er verbot aber zugleich auch, die cMakulisten» als
Ketzer zu behandeln 2 . Man musste den Schwestern, von denen sicher
manche auf dem Laufenden waren, über den jedes Jahr neu wieder¬
kehrenden Festgegenstand bestimmteren Aufschluss geben. So fügte
denn unser Sammler an die Predigt Johann Zeilers eine Erklärung,
die auf den Streit näher eingeht.
Erstens stellt er fest, dass die theologischen Lehrer in diesem
Punkte geteilter Meinung seien. Dann berichtet er, wie sowohl das
Konzil von Konstanz als auch das von Basel zunächst vergeblich
um eine Lösung der Streitfrage sich bemüht hätten. Drittens legt er
die Stellung dar, die dem schlichten Christenglauben damals geboten
war. Er benutzt dabei die Worte Meister Gerhards vom Predigerorden,
der in Gelehrsamkeit am Rheinstrome seines Gleichen nicht gehabt
und zu Strassburg auf der Kanzel seine Meinung kundgegeben habe.
Es ist hier wohl der Meister Gerhard gemeint, Beichtvater in St. Ni¬
kolaus, von dem Pfleger seinerzeit zwei Strassburger Predigten aus
dem Jahre 1434 bekannt gemacht hat 3 . Er könnte identisch sein mit
dem Gerhart Hel, der 1429 zu den zwölf Ordensgenossen gehörte, mit
denen Johannes Nider den Baseler Konvent reformierte, und der
1 Ps. 45,5. * Pfleger aaO. 55.
. 8 Luz. Pfleger, Zur Geschichte des Predigtwesens in Strassburg vor Geiler von Kaysers-
berg, Strassburg 1907,52 f.
Die Unbefleckte Empfängnis in Strassburger Predigten 193
daraufhin Beichtiger der Schwestern von Steinen zu Basel wurde 1 :
er hätte also nachweisbar an drei Stellen am Bheine gewirkt.
Hier der Wortlaut dieser Erklärung. Sie legt Zeugnis ab von der
Mässigung, mit der man damals in Predigt und Erbauungsbüchern
die von den Gelehrten umstrittene Frage immer noch behandelte
(Bl. 31):
* Von dissem minneklichen hochzit der enpfengniß vnser lieben frowen
ist groß zweigunge vnd vnglich wenimge vnder den heiligen go«tlichen lereren.
Ein teil wcllcnt dz sü on alle erbesündc cnpfangen sü. Die andren halten, dz
sü in erbesünden cnpfangen sy, aber gar balde dar von gereiniget vnd geheiliget
in müter libe; verre e gereiniget vnd me vnd großlichcr geheiliget, denn sant
Johannes Baptista vnd alle ander, die je jn müter libe geheiliget wurdent,
also dz wol billichen vnd zimlichen wz. Vnd jeglicher teil flisset sich, sin
wenunge vnd lialtunge zübeweren, züvestenen vnd zu bestetigen. (Bl. 31) v :
Vnd in dem Conscilio, dz zü kostenczen wz jn dem jor, do man zalte von
Christus gehurt MCCCC vnd X, etwas me, do wart disser artickel für genuminen
zfi erkleren, wcller teil zü halten wer. Aber es wart nit zu ende brocht, vnd
do noch jn dem conscilio, dz zu basel gehalten wart, do wart aber hie von trac-
tiert vnd wart aber milteklichcn nider gelossen.
Vnd in den selben ziten wz ein lesemcister brediger ordens, Gerhardus ge¬
nant, zü stroßburg by einem frowen closter der obseruancien bichter. Von
dem selben lesemeister ein rüff wz, dz sinen glichen jn kunst go e tlicher ge-
schrifft jn Rinschem ström nit wer, vnd doch vß demütikeit wolte er nit doctor
werden. Disser lesemeister sprach an offener kanczcl:
Ich ho're sagen, man welle jeczunt jn dem conscilium zü basel schloßlichen
vß tragen, ob die müter gottes jn erbesünden oder on erbesünde enpfiyigen
syge. Aber ich glo v be nit, sprach er, dz dis kein lerer gedün müge vnd dz ßü
sich dor jnn vergebens arbeiten. Wann dz ist ein sach oder ein artickel, den got
jm selbs behalten het zü wissen, also etliche ding mc, die got jm sclbs behaltet.
Dis ist nit ein artickel christliches gloubens, dz der mo e nsclio schuldig sy
(Bl. 32) eines oder dz ander hie von zü halten, sunder eß sinnt allein wenunge
der heiligen go e tlichen lerer. Dor vmb enpfelc es der mo e nsche got. Wenn
wir dorthin jn die selikeit kummen, do werdent wir es alles klerlichen vnd
öffenborlichen erkennen.
Hier vmb so sollent die schleten, einvaltigen, vngelerten mo e nschen
sich nit lossen bekümeren die vnglicheit der rede, so in dissem hochzit vnd
jn disser Sachen gefürt wurt, wenn es nit ein artickel cristelichhes glauben ist.
Dor vmb, welliches teil der mo e nsche gütiklichen, milteklichcn vnd schlctck-
lichen haltet, dor jnn düt er nit vnreht. Aber doch dz merer teil der aller bc-
wertesten lerer, also sante Augustinus vnd sant Bernhardus, die wellent dz
sü in erbesündc cnpfangen sy. Vnd dor jnnc ist jr kein vnere zü geleit^ wenn dz
1 Vgl. darüber Johannes Meyer, Ord. Preed., Buch der Reformacio Predigerordens,
hrsg. Von B. M. Reichert [Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens
in Deutschland, 3 . Heft], Leipzig 1909,74 f.
13
104
Florenz Landmann.
ist ein priuilegium, dz allein dein herren Christo zu gcho'rt, der von dem
heiligen geist enpfangen vnd von einer reinen jungfrowon geboren ist*.
3. Der Streit um die Unbefleckte Empfängnis muss, nachdem
diese Notiz geschrieben war, auch in Strassburg höher aufgelodert
sein, vielleicht als seit dem Jahre 1493 die Schriften Wimpfelings
und Sebastian Brants erschienen 1 . Denn auch die obige Erklärung
wurde nun nicht mehr als genügend erachtet, und eine andere Hand
hängte ihr folgende Zeilen an, in denen auf eine Predigt Johann
Geilers von Kaysersberg® aus dem Jahre 1481 hingewiesen und der
von ihm ausgesprochenen gegenteiligen Meinung beigepflichtet wird:
«Hie noch wart disser arttückel aber gehandelt vnd her für gezogen jn
dem vorgemellten concilium zü basel, vnd (Bl. 32») ist beschlossen vnd vß
gesprochen worden jn dem selben concilium, das man halten vnd glo v bcn sol,
dz die würdige mfttter gottes on alle erbsind enpffangen ist, als cs offelich
gebrediget het ein hochgclorter vnd gar ein glo T pwirdiger docter, genant
meister Johanes Geiler von Keissersperg, jn vnser lieben frowen mynster
zü stroßburg jn dem jor, do man zalt von Christus gebürt MCCCCLXXXI.
Der selbe docter sprach, daz ein jeder mo'nsch zü disser zit schuldig
wer zü glo v bcn by einer dot sinden, das die würdige möter gotes on erbsind
enpffangen ist. Wen dz concilium mag nit feien; was dorin gehaltten oder
verworffen wurt, sint wir schuldig mit zü halten vnd zü verwerffen, doden
es haltet vnd verwürffet die meister der heylgen cristenheit.
Er sprach o v ch jn der selben bredig: Sanctus Thomas de Aquino sprichet
offelich, sy syg jn erbsinden enpfangen; aber wer er jeczcndan hie, so hielt
er es mit der heiligen cristenheit*.
Geiler hat seine Dompredigerstelle 1478 von Basel aus ange¬
treten. Dieser Zusatz zeigt, wie er schon bald darauf im Gegensatz
zu der Auffassung der Dominikaner die Entscheidung des Baseler
Konzils vom Jahre 1439 als verpflichtend erklärte. Vielleicht sind die
Blätter unserer Handschrift auch 1481 gleich geschrieben worden,
also noch vor der Entscheidung Sixtus’ IV von 1483 und vor den
Schriften "Wimpfelings und Brants. Sie bieten uns jedenfalls in span¬
nendem Zusammenhänge drei Strassburger Predigtzeugnisse Uber
die Unbefleckte Empfängnis Mariä aus bewegter Zeit, die zwei ersten
von den Dominikanern Gerhard (Hel?) und Johannes Zierer, das
dritte von Geiler von Kaysersberg.
1 Vgl. Pfleger, Marienfeste aaO. 49.54-61.
* Ueber Geilere Stellung zur Immakulatadoktrin siehe ebd. 51-53. Geüer predigte den
Schwestern zu St. Nikolaus in undis u. a. 1389 und 1495. Vgl. L. Pfleger Zur hand
schriftlichen Ucberlieferung GeUerscher Predigttexte, in: ArchfElsKg 6(1931) unten S 198
Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher
Predigttexte
Von L. Pfleger
Als im Jahre 1912 die « Gesellschaft für Elsässische Literatur»,
die nach dem Kriege einging, den Plan einer kritischen Gesamtaus¬
gabe von Geilers Predigten und Werken fasste und mich mit der Ober¬
leitung betraute 1 , betrachtete ich cs als erste Aufgabe, Nachforschun¬
gen nach noch ungedruckten Geilerpredigten zu halten. Diese Nach¬
forschungen waren auch nicht erfolglos. An Originalmanuskripten
des Predigers war allerdings nicht zu denken. Was er an solchen über¬
haupt besass, ist nach seinem Tode spurlos verschwunden. Es konnte
sich also nur um Niederschriften von Zuhörern oder Zuhörerinnen
handeln. Dank diesen sind uns ja die meisten der gedruckten Predigten
erhalten geblieben 2 .
Leider sind bei dem Brande der Strassburger Stadtbibliothek
im Jahre 1870 drei Brände solcher Niederschriften zugrunde gegangen,
die viele Inedita enthielten, so Predigten vom « Absterben der sched-
lichen Glüsten» von 1496, «Underweisung der andächtigen Menschen»,
«Predigen vom lebendigen Holz», « Geistliche Vastnachtsküchlin»,
«Von sieben Steinen der geistlichen Höllen» und eine Reihe anderer
Predigten aus den Jahren 1490, 1495, 1499 und 1502; ferner eine
« Güldene Regel geistlicher Menschen, geschrieben und gegeben dem
Konvent der Ruwerinnen zu Strassburg 1492». Wie schade, dass vor
dem Brande niemand diese Schätze gehoben und Abschriften ge¬
nommen hat®.
. y Ersten Jahresbericht der Gesellschaft für Elshssische Literatur, Strass-
■ „ . 912, 1 * -. * v gl- darüber L. Pfleger, Der Franziskaner Johannes Pauli und
seine Ausgaben Geüerächer Predigten, in: ArchfElsKg 3(1928)46^,6.
• , . . *© .Künde davon verdanke ich einzig den Notizen, die Haencl für seinen Sammel-
kataiog genommen hat; vgl. G. Haenel, Catalögi librorum ms. qui in bibliothecis Galliae,
Helvetiae, Belgu, Britannias.. asservanttir, Leipzig 1830,466 f.
196
L. Pfleger
Diese letztgenannte «Güldene Regel» ist noch in zwei Hand¬
schriften erhalten: in Cod. P. pap. 47 der Badischen Landesbibliothek
zu Karlsruhe, unter dem Titel « Gerson, Undcrwisung der menschen
im Gotsdienst, zu tütsch brocht durch Joh. Geiler von Keissers-
perg im Jor 1492». Ausserdem enthält diese Handschrift noch Pre¬
digten von 1495 und 1496. Eine andere Karlsruher Handschrift
P. pap. 46, enthält ebenfalls Geilerpredigten aus den Jahren 1493
und 1497.
Die zweite Handschrift, in welcher die « Güldene Regel» steht
ist der Berliner Cod. germ. 4» 164. Neben einer Anzahl geistlicher
Traktate und Predigten, die den Franziskanerobservanten Heinrich
Vigilis von Weissenburg zum Verfasser haben und welche dieser zum
teil im Kloster Alspach gehalten hat, steht von BI. 284-305: « dissc
lere hat der hochgelerte und andechtige lerer und doctor mit namen
her Johannes von Kcisserssperg, bredicator im hohen stift, ge-
schnben Anno domini mccccxcii und geendet an saut Anthonie
dag des heiligen einsydels und sint genannt die güldene regel geist-
licher menschen». Wir haben es hier mit einer deutschen Adaptierung
einer Schrift des Pariser Universitätskanzlers Johannes Gerson,
eines Lieblingsschriftstellers Goilers, zu tun. Dieser hat den Traktat
für Schwestern übersetzt, wie aus folgenden Einleitungssätzen des
Traktats hervorgeht:
«Der cristenliche entslossen tröstliche lerer Johannes Gerson
doctor der heiligen geschrifft, etwenn kantzier der hohen schul zu
Pariß, het etliche tractat gemacht in französischem welsche, vast
nütz denen, die daz lattin nit verstont. Sind dieselben durch etliche
m lattin broht, deren nemlich einer ist, den er gcscliricben hat zu
underwisunge der nüwen und erseht anvohenden mönschen, wie sv
sich m leren übungeii bescheidenlichen und behüttsamlichen halten
sollen, daz jnen nit schad der ußwachß. Sittcnmal aber nün ir in got
myu lieben swestern weder lattin noch welsch Version, hab ich den¬
selben tractat disse heilige zit von dem lattin zu dem dütschen braht
und so verre ich das hab zu wegen mögen bringen, wenn als wenig
der in von welsch in daz lattin brolit het, möht in allen wortten die
eigenschaft behalten, alß wenig hab ich daz dfln mögen vom lattin in
daz diitsch. Doch ist der sinn, also ich mein, ganz bliben und die'
worheit unverruckt. Ich hab öch jn underscheiden mit tüttlen und
rubricken wütter [sic! weder ich funden hab, üch z& derer under-
Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Predigttexte 197
richtung und luchter zu finden, was üch füglich dünken wart. Wellent
mir imtdeilen üwer gebet gegen got unsern herren, daz sin wil mit
uns allen hie geschehe und in zit und ewigkeit, Amen».
Das ist also ein richtiges, persönliches Vorwort Geilers, und wir
haben hier eine der wenigen erhaltenen, von ihm seihst verfassten
.Schriften vor uns. Die Schwestern, an die sie gerichtet ist, sind nach
der genaueren Angabe der von Hamei verzeichneten Strassburger
Handschriften die Reuerinnen des Strassburger Magdalencnklosters,
dessen Beichtvater Geiler wart. Zu bedauern ist nur, dass wir nicht
den Geilerschen Originaltext vor uns haben, sondern nur eine Ab-
•sclinft mit ziemlich verwahrloster Schreibweise, wie ich feststellen
konnte. Immerhin sind wir dadurch um eine uiiedierte Geilerschrift
reicher. Der Codex ist offensichtlich im-Kloster Alspach geschrieben
Worden. Wir ersehen daraus, dass sich die Frauenklöster die Gciler-
schen Traktate und Predigten mitteilten. Das ergibt sich noch aus
andern mit bekannt gewordenen Handschriften.
So aus Cod. 294 der Fürstlich-Fürstenbergischen Hofbibliothek
zu Donaueschingen, einem noch dem 15. Jahrhundert angehörenden,
aus dem Dominikancrinnenkloster Pforzheim stammenden Sammel¬
band mit Geilerpredigten, die allerdings bekannt sind: er enthält die
Predigten «Von der geistlichen bilgerschaft» und der «geistlichen
Spinnerin», welch letztere in dem mehrmals aufgelegten « Granat¬
apfel » abgedruckt ist 2 . Die «bilgerschaft» umfasst hier 23 Predigten,
und es wäre von Interesse festzustellen, oh es sich hier um Nieder¬
schriften der Originalpredigten Geilers über diesen Gegenstand han¬
delt, und inwieweit sie sich mit der von Geiler selbst bearbeiteten
lateinischen Fassung des «Peregrinus »’ und der von seinem Amanu-
ensis Jakob Other ziemlich frei behandelten «Christlich Bilger¬
schaft »• berühren. Den Schluss des Pforzheimer Sammelbandes
uden vier weitere Predigten Geilers, die noch einer näheren Unter¬
suchung bedürften.
/P’ 0 “£ eistliche Bilgerschaft» ist auch enthalten in Cod. germ.
r i i U ' ller *' 11 ' 1 -455). Dann folgt (Bl. 458) eine Predigt, welche
Keiler hielt «den geistlichen mütteren zu Sant Matheus und S. Ni-
co aus in undis zu Stroßburg uff den Dag der würdigen jungfrauwen
Strassburg GeÜCr Von Kaysersbcr S und das st - Magdalenenkloster in Strassburg,
„ ,.\? ehe L r,ac l le “W Les plus anciens Berits de Geiler de ICaysersbcrg, Colmar 1882,
n. 44-46. Ebd. n. 57. * Ebd. n. 55. .
198
L. Pfleger
Saut Ursula anno domini mcccclxxxxv und seit von dem geist¬
lichen Sterben». Diese ist wohl identisch mit der Predigt de morte
virtuali sive grat ; re in den Sermones prestantissimi 1 .
In der Berliner Handschrift Ms. germ. 8" 63 findet sich eine
Niederschrift der Predigtserie von der «geistlichen Spinnerin»,
von der eine Version im « Granatapfel» abgedruckt ist 2 . Sie hat in
unserer Handschrift den Titel «Geistliche Kunckel», und ihre Ein¬
leitung ist sehr charakteristisch für die Art und Weise der Entstehung
dieser Niederschriften begeisterter Hörerinnen; sie gibt uns zugleich
eine Gewähr für die Echtheit des Inhalts, wenn auch die rednerische
Gewalt und Eigentümlichkeit des Predigers dabei nicht voll zum Aus¬
druck gelangt. Die bescheidene Schreiberin hat dies auch klar genug
angedeutet. Der interessante Passus lautet (Bl. 48):
«Hie hebet sich an ein gütte 1er, in der ein jeglicher mönsche
vindet arzenüge siner seien. Er sy ein anvohender, ein zunemender,
ein angevohter oder ein volkumender mönsche... und wurt disse
materie fürgegeben under der Gestalt einer geistlichen kunckelen,
an deren die andechtige sele ir selber sol spinnen den mantel gütlicher
liebe, und het disse 1er geton ein hocligelerter und gar ein gelopter
würdiger doctor genant docter Johannes Geiler von keisersperg den
andechtigen geistlichen kinden zu sant Matheus und Sant Nicolaus
an den unden im jor do man zalt von Christi unsers lieben hemm
gebürt mcccclxxxix jor. — Aber [Bl. 48 v ] also unglich ein ge-
moltcr und ein lebendiger mönsche einander sint, also unglich liitet
die dote geschrift gegen den lebendigen Worten, also sy usser sinem
munde gingen, wan die genode und daz für des heiligen geistes, daz
do ussging mit den lebenden Worten, mag nüt ussgetrucket werden
in die büstaben, aber uff begir andcchtiger hertzen ist diese 1er geschri-
ben worden also vil es mügeliclien ist gesin diser krancken und ein-
valtigen person noch also sy es het gehört usser sinem munde». —
Der Text, der bis Bl. 68 geht, ist leider unvollendet. Nicht unwichtig
ist auch der Eingang der Predigt, der die stereotypen Einleitungs¬
worte Geilers genau wiedergibt: «Die uncrgrinlichc barmherzigkeit
got unsers himelschen vatters, der köstliche verdienst des smertz-
lichen lydens unsers lieben herren Jesu Christo müß üch und mir
1 Siehe L. Dachcux, n. 61. Vgl. zur Sache auch A. Hoch, Geilers von Kaysersberg
«Ars moriendi» aus dem Jahre 1497, Freiburg i. Br. 1901, 59 Anm. r.
* Der Codex L germ. 71 der Landesbibliothek zu Strassburg entltält ebenfalls den
« geistlichen Spynnrocken ».
Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Tredigttexte
199
erschinnen in unsern lesten noten, wer daz begert von hertzen sprech
amen. Allerliebste brüder und swesterne in dem herren Jesul Die
wort die ich für mich genummen hab in latiu».
Eine weitere, im Jahre 1498 geschriebene Berliner Sammelhand¬
schrift, Cod. germ. 2» 88, hat Bl. 218-255* von Geiler die Predigtserie
«\on nünerhande frucht eines geistlichen closterlebens », die in den
« Predigen teutscli » gedruckt vorliegen 1 . Ausserdem wird in unserer
Handschrift noch eine Predigt von « einem lauteren Gewissen» Geiler
zugeschrieben (Bl. 255 T -260 V ). Der Besitzer der Handschrift, Daniel
Sudermann, von dem noch zu reden ist, bezweifelt in einer Randbe¬
merkung die Atuorschaft Geilers und möchte sie Tauler oder Suso
zu schreiben. Sie scheint mir für Geiler auch reichlich mystisch
zu sein.
Damit ist aber der Reichtum an 'Geileriana der Berliner Hand¬
schriften noch nicht erschöpft. Eine der wertvollsten für uns, da sie
mehrere Inedita birgt, ist Ms. 4° 1112. Hier finden wir eine Reihe von
Predigten, die Geiler im Jahre 1488 zu Augsburg gehalten hat, wohin
ihn der mit ihm engbefreundete Bischof Friedrich von Zollern 2 be¬
rufen hatte. Die Handschrift muss, wie aus der sprachlichen Form
geschlossen werden kann, in Ausgburg selbst entstanden sein. Eifrige
Hörer oder Hörerinnen schrieben die Predigten aus dem Gedächtnis
nach. Dass es sich um echte Geilerpredigten handelt, können wir
aus einem wichtigen Bericht eines Augsburger Zeitgenossen aus
Bischof Friedrichs Umgebung feststellen. Danach ritt Geiler in Augs¬
burg ein am Freitag vor Michaelis 1488. Von Michaelis bis zum Tag
der Unschuldigen Kinder predigte er fast alle Tage. Die Gegenstände,
über die er predigte, hat der Beobachter genau festgehalten: Das Abc,
die Eigenschaften des Pilgers, die zehn Gebote, von den sieben Tod¬
sünden 3 , von den zehn Staffeln; im Advent predigte er alle Tage zu
St. Johann über das Thema: venite ascendamus ad montem domini
(es sind die Predigten, die unter dem Namen «von dem Berg der
schowung» bekannt sind). Am Weihnachtstag bis zum Johannestag
zeigt er, wie man einen Lebzelten macht, und nach dem Tag der
| Siehe Dacheux n. 36; die Predigten stehen Bl. 71V-86*.
» . Tr ir . s ^?^ Geiers Verhältnis zu dem Augsburger Bischof gut unterrichtet
,. n * . enzel. Geiler von Kaysersberg und Friedrich von Zollern, in: Zeitschrift für
die Geschichte des Oberrheins 40(1916)61-113.
a ha * der Chronist sogar eine ihm auffallende Geste des Predigers festgehalten:
« e gu a macht er ein hand mit yetlichen finger wie der tewffel ein griff in die kelen».
200
L. Pfleger
Unschuldigen Kinder hielt er noch zwei Predigten von der Eigen¬
schaft der Kinder 1 .
Von den hier genannten Predigten sind gedruckt « von dem berg
des schouwens» in den « Predigten teutsch» 2 ; über das Abc hat Geiler
später in Strassburg wieder gepredigt 3 ; die Eigenschaften des Pilgers,
ein Thema, auf das Geiler oft zurückkam, sind schon 1494 von einem
unbekannten Drucker, 1499 zu Augsburg von Lukas Zeissenmeyer,
mit dem Hinweis, dass die Predigten in Augsburg gehalten wurden,
veröffentlicht worden 4 . Von den zehn Geboten ist keine mit Geilers
Namen versehene Druckausgabe bekannt 5 . Hingegen figurieren die
sieben lodsünden unter dem Titel « Sibeu hauptsünd» und als 1499
in St. Katharina zu Strassburg gepredigt im « Granatapfel». Die
“Zehn Staffeln» hat Geiler spater zu fünfzehn erweitert, und als
solche hat sie Johannes Pauli in den Brösamlin ediert 6 . Von den weiter
genannten über den Lebzelten und die Eigenschaft der Kinder war
jede Spur verloren: aber gerade sie finden wir in unserer Handschrift.
Die erste Reihe beginnt mit den Predigten über den Berg der
Schaumig: «Hie faclient sich an die hailigen predigen, die der wol-
gelert und erwirdig doclor mit namen Johannes vonn Kaysersspergk
gepredigt! und gelcrtt hat in der kaysseiTclien Stat zu Augspurg, und
waß das das wollt des anfangkß: kument her unnd land unnß steigen
auff den berg des herren. Die wortt, die ständ geseliriben in dem hei¬
ligen evangelio der propheteu unnd da Christus auff erdtrich gieng
und predigett und lernett das gemein volck». Dann folgt auf Bl. 222 v :
« Die hernachgeschriben 1er hatt der wirdig doctor zu einem guten
newen jar und zu ainer letz 7 gethann und fach also an. Er wirt in
geben ainen kflehen. Nun zimpt mir auch wol, da sich euch ainen
küchen oder lebzelten geb zu einem guten jar und auch zu ainer letz.
Dazu zwingt mich die zeitt und also will ich uch ainen le[b]kuchen
oder le[b]zelten geben. Als Christus Jesus von sainen jüngern wolt
schaiden, da licsß er inn den le[b]kuclien zu letz, das ist seinen
heilligen leib in der gestallt des protz. Das ist der le[b]kuchen, den
4 Der Bericht hei A. Steichele, Friedrich Graf von Zollern, Bischof von Augsburg und
Johannes Geiler von Karsersberg, in: Archiv für die Geschichte des Bisthüms Augsbure
1(1854)152 f. 2 Dacheux n. 36. ° 6
3 Das Alpluibet in xxiii predigen, im: «Buch der Sünden des munds» 1518, Dacheux
n. 75 und separat 1518, Dacheux n. 76.
4 Dacheux n. io.ii; über den Wert von n. 10 ebd. S. xi f.
6 Siehe über angebliche Ausgaben Dacheux S. clxxxi ff.
■ sichc Dflcger, Johannes Pauli aaO. 78. 7 letze = Abschiedsgeschenk.
Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Predigttexte 201
ich ück will geben». Das Ganze ist eine in der bei Geiler so beliebten
und bei ihm fast zur Manie gewordenen emblematischen Form ge¬
haltene Belehrung über das hl. Altarsakrament, dazu als Neujahrs¬
predigt 1 gedacht, die er vorausnahm, weil er bald ahreisen musste.
Bl. 232 V beginnt «die ander predig von dem lebkuchen». Diesmal legt
er das Leiden Christi in der Form des Lebkuchens aus und schenkt
diesen zu einem guten neuen und seligen Jahr. Inwieweit sich diese
Predigt mit den noch zu Geilers Lebzeiten (1508) von Jakob Öther
herausgegebenen Fragmenta passionis domini Jesu Christi... sub
typo placente mellei predicatc 2 und der von Johannes Adelphus 1514
verfassten deutschen Fassung 3 berührt, wäre ni ;ht uninteressant zu
untersuchen. Während es sich hier immerhin um bekannte Gedanken-
komplexe handelt, ist die Lebkuchen-Sakramcntspredigt als ein
neuer Gewinn für die Geilerkenntnis zu buchen.
Auch die letzte Geilerpredigt unserer Handschrift stimmt mit
den Angaben des Augsburger Chronisten überein, wonach er am Tag
der Unschuldigen Kinder Abschied nahm 1 und zwei Predigten von der
Eigenschaft der Kinder hielt. Wir dürfen daher unbedingt alle hier
verzeichneten Predigten als echtes Geilerwort ansehen 5 . Wahrschein¬
lich hat Geiler in zwei verschiedenen Kirchen dieselbe Predigt ge¬
halten. Unsere Handschrift verzeichnet (Bl. 252-28 l v ) nur eine:
« die hernach geschriebene 1er halt auch gethann der erwirdig doctor,
als er urlob hatt genommen und sprach: wenn nun der vatter von den
kinden schaidenn wil und das er schon gesegnet! hatt, und so genndt
im die kind das glaid für das thor, so geilt er inn regel, wie si sich
haltenn sollen, dieweil er auß ist. Alzo wil ich euch auch tun. Ich han
urlob genommen, aber ich will euch kinden auch noch etlich regel
geben». Er zahlt fünfzehn Eigenschaften eines Kindes auf und deutet
sie nach seiner Gepflogenheit auf das menschliche Leben. Die Hand¬
schrift enthält noch einige Sakramentspredigten ohne Verfasser¬
namen. Auf Bl. 390 steht die Jahreszahl 1490. Am Schluss (Bl. 397 ff)
stehen Predigten des Herrn Jakob Helfer aa Unser Lieben Frau zu
Augsburg.
Geber die eigentümliche Form der mittelalterlichen Neujahrspredigten, bei denen die
r lg er symbolische Geschenke auszuteilen pflegten, siehe L. Pfleger, Altdeutsche Xeujahrs-
predigten, in: Der Aar, 3. Jg. Regensburg 1912,1,450-462. 2 Dacheux n. 38.
. n. 65. 4 « biß an den tag der unschuldigen kindlein, da nam er ganz Urlaub
5 vhk'c l’ ?'Stemhele aaO. 5 Es mutet seltsam an, dass Ph. de Lorenzi, Geilers ausge-
w l e Schraten, r. Bd. Trier 1881,98 mit dieser Garantie sich nicht zu begnügen scheint.
202
L. Pfleger
Reiche Ausbeute für unsere Zwecke bietet endlich der Berliner
Cod. germ. 4» 197, eine Papierhandschrift aus dem Anfang des IG.
Jahrhunderts, von 381 von verschiedenen Händen beschriebenen
Blättern, die offenbar aus einem der drei Strassburger Frauenklöster
St. Margareta, St. Agnes oder St. Katharina stammt, da sie nur Pre¬
digten enthält, die in diesen Klöstern von Geiler gehalten wurden.
Der Inhalt ist folgender:
Bl. 1: « Hie hebet sich an ein gutte lere und seit, wie sich ein
jeglicher rechter cristenmensch, und vor allem ein clostermensch soll
haltton und aufstigen, <laz er mtig kummen zu einem volkommen
leben, und ist dis die glichniß geben by einem heselin, und hett dise
lere gedon ein hochgelerter doctor götlicher kunst und vast gloup-
wirdig in silier lere. Genant doctor Johannes Geyler von keyserspcrg,
den andächtigen und geistlichen mütren und swestern zu Sant Kathe-
rinen zu Stroßburg do man zalte von Christi unscrs lieben lierren
M\ C II joru (1502. Diese Predigten reichen bis Bl. 84 und sind nichts
anderes als eine Niederschrift der Predigtserie « von dem Hasen im
Pfeffer», die in den verschiedenen Ausgaben des « Granatapfel»
abgedruckt ist.
Bl. 84-155: «Dise 1er hett gedon der andechtig hochgelerte doc-
lor und meister Johannes Geiler von keyserspcrg den andechtigen
geistlichen mutter und swestern des closters sant Margrethen und
sant Agnesen zu Stroßburg, anno 1490». Sie sind identisch mit den
im Jahr 1518 gedruckten Predigten über das Alphabet 1 .
Bl. 155-172 T enthält die Predigt «von den zwölf schefflin», die
wir weiter unten S. 206-216 zum erstenmal zum Abdruck bringen.
Bl. 173 v -181 v : «Wer do wil kummen zu volkummer reinigkeit
vnd küscheit lybs vnd gemtites, der muß an diesem boum, der da
heißet Continencia, beheliikeit, ablessen disse noch gonden xv est,
die auf oben mit dissen büchstaben: Santa Margareta». Auch diese
gleichfalls unbekannte Predigt, die an die Klosterfrauen des gleich¬
namigen Strassburger Frauenklosters gerichtet ist, werden wir in
einem späteren Jahrgange dieses Archivs herausgeben.
Bl. 181M9S: «Diße 1er hett gedon der große doctor göttlicher
kunst, doctor Johannes Geiler von Keißersperg, den andechtigen
geistlichen miittren vnd schwestren zu sant Katherina zu Strospurg » 2 .
Siehe Daclieux n.-6. * Auf Bl. 19S-224 steht: «Diße Ierhett gedon der »virdige
meister göttlicher kunst Toma von Lantpertheim sinem sunderlichen beichtkind». Ueber
Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Predigttexte 203
Bl. 224 v -236: «Hie hebett sich an ein guette 1er und seit von
art der kind und eygenschafft die sy an in haben, die do ein yeglicher
cristener mönsch geistlich an im soll han, wil er kumen zu ewiger selig
keit, und hett sy der hochgelerte doctor Johannes Geiler von keyßers-
perg geprediget den andechtigen geistlichen mütteren zu sant Kathe¬
rina in dem jor do man zalt 1501». Ist eine unodierte Predigt auf das
Katharinenfest, die wir ebenfalls in einem späteren Bande dieses
Archives gelegentlich veröffentlichen werden.
Bl. 236-268: «Von den vii swerttern der syben hauptsünd,
mitt wöllchen der büß geist understot zu verderben die sei des mön-
schen», in St. Katharina 1499 vor Advent gepredigt; Bl. 268-322:
« Von VII scheyden, vnder denen sich verbergen die swert der VII
hauptsünd (den Reuerinnen gepredigt); Bl. 232 ff.: «Wie die sei des
mönschen durch die Verlust der VI sp. (?) in ctlich ongerechtikeit
glich worden ist einem esel und also gefallen in den gewalt des bößen
geistes, der sy gebunden hett mitt syben halffteren oder an syben
eselhefften». Alle drei letztverzeichneten Serien sind im « Granat¬
apfel» gedruckt.
❖
Noch ein Wort über die Provenienz der Berliner Handschriften.
Sie stammen sichtlich aus Strasshurger Frauenklöstern, eine aus dem
oberclsässischen Kloster Alspach. Andere Berliner Handschriften
elsässischer Herkunft, die für die Geschichte der vorgeilerischen Pre¬
digt wichtig sind, habe ich früher schon verwerten können 1 . Wie kom¬
men alle diese Codices nach Berlin? Sie tragen fast alle den Namen
ihres früheren Besitzers DanielSuderman n. Es ist auffallend,
dass dieser protestantische Mystiker, der auch in der Geschichte
der Taulerschen Predigttexte eine nicht unbedeutende Rolle spielt 8 ,
weder in der « Allgemeinen deutschen Biographie» noch in der « Real-
encyklopädie für protestantische Theologie und Kirche» eine Würdi¬
gung erfahren hat. Für die Geschichte des evangelischen Kirchen-
diesen Strassburger Dominikaner von Lampertheim, gewöhnlich Thomas Lamparter ge-
nannt, vgl. Ch. Schmidt, Histoire littöraire de l'Alsace a la fin du XV 0 et au commencement
du XVI® sißcle, i. Bd. Paris 1879,23.359.
1 L. Pfleger, Zur Geschichte des Predigtwesens in Strassburg vor Geiler von Kaysers-
berg, Strassburg 1907.
_ 1 Vgl. Preger in Realencyclopädie für protestantische Theologie und Kirche, 19. Bd.
Leipzig 1907,454.
204
L. Pfleger
liedes ist er von Bedeutung 1 . Dieser Daniel Sudermann lebte am Ende
des 16. und zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Strassburg, und da er
sieh sehr für Mystik interessierte, sammelte er alle alten Hand-
.Schriften, die Predigten, mystische Traktate und Gebete enthielten.
Eine ganze Reihe solcher Strassburger und anderer Codices ist mir
in Berlin unter die Hände gekommen.
In dem Berliner Cod. germ. 8» 69, Bl. 307, hat Sudermann
einige Notizen über sein Leben eingetragen. Danach ist er an Fast¬
nacht 1550 zu Lüttich geboren. Sein Vater war der Maler und Kupfer¬
stecher Lambert Suavius 2 , der ein Wanderleben führte und 1564 zu
Weimar starb. Auf der Innenseite des Schlussdeckels des Berliner
Cod. germ. 35 8° gibt Sudermann, diesmal in französischer Sprache,
weitere Daten aus seinem Leben an. 1558 war er zu Aachen an der
Schule, 1560 zu Antwerpen, 1561 zu Köln, 1562 zu Düsseldorf, 1563
wohnte er der Kaiserkrönung in Frankfurt bei. 1565 schickte ihn,
nach des Vaters Tode, der Herzog von Jülich nach Jena. Er führte
nun als Hofme.ster von Fürsten- und Grafensöhnen ein unstetes
Leben, bei den Grafen von Sayn, dem Kurfürsten von Heidelberg,
den Herren von Wimneberg, mit denen er 1578 in Rappoltsweiler
und Gemar weilte. Seit 1585 weilt er in Strassburg im Bruderhof
als Präzeptor des jungen Adels 3 . 1626 wird Sudermann dem Rat in
einem Bericht des Präsidenten des Kirchenconventes, Thomas Wege¬
lin, als Schwenckfeldianer genannt. In dem vom 8. September datier¬
ten Schreiben heisst es von ihm: «in disem [der Schwenckfeldianer]
Orden befind! sich under andern auch Junckher Daniel Sudermann,
durch welches Schriften, Emblemata und Gemelden hiesige Statt,
Gemein und Academi bei den Außländischen nicht wenig beschreit
und verdechtig gemacht wiirt, als wenn sie mit ihm hielten und sein
Irtumb biilligten. Gestalt denn seinthalben die Universität zu Tübin¬
gen nicht allein vor disem an hiesige Facultatem thcologicam ge-
schriben, sondern auch vorm Jahr durch Herrn Schadaeum an ein
Ehrwürdigen Kirchen Convent mündtlich hat gelangen laßen und sich
seiner Bücher halben beschwert befunden, weil auch aus ihrem Mittel
1 Vgl. M. Vogeleis, Quellen und Bausteine zu einer Geschichte der Musik und des Thea-
ters im Eisass, Strassburg 1911,356 und öfters, der sich auf Wackernagel beruft, Ueber ihn
siehe A. F. H. Schneider, Zur Literatur der Schwenckfeldischen Liederdichter bis Daniel
Sudermann, Berlin 1857,9-20 und öfters. Eine Notiz über ihn auch bei H. Krüger, Deutsches
Literatur-Lexikon, München 1914,425.
* Schneider 9. * Schneider 19.
Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Predigttexte
205
durch dieselbige seien angesteckt und verfüret worden» 1 . 1629 wohnt
Sudermann in der Judengasse in Strassburg, nach 1631 muss er ge¬
storben sein 2 . Seit 1589 war er Anhänger der Schwenckfeldianer,
dichtete eine Menge geistlicher Lieder und verfasste viele Schriften,
die sich auf die Lehre Caspar Schwenckfelds oder die mittelalterlichen
Mystiker, besonders Tauler, stützten 3 . Von Tauler allein hatte er in
seiner Bibliothek siebzehn Handschriften 4 . Seine Bibliothek kam
teils nach Wolfenbüttel, teils nach Berlin. Aus seinem langen Strass¬
burger Aufenthalt erklärt es sich, dass er so viele Strassburger und
elsässische Handschriften zusaYnmenbrachte 5 . Im Bruderhof mag er
wohl auch das alte Cantatorium des Strassburger Münsters aufge¬
stöbert haben, das sich später ins Britische Museum verirrte*.
1 Strassburg, Thomas-Archiv 49,1. Strassburg, Stadt-Archiv AA 406 und Prot. XXI
1626, Bl. I7ö v .
* Schneider 19.
3 Das Schriftenverzeichnis ebd. 12-17.
4 Von Hagen bespricht sie in: Neues Jahrbuch der Berliner Gesellschaft für deutsche
Sprache 7(1836)281 ff.
6 Die Berliner Handschriften sind, aber nicht vollständig, aufgezählt bei Schneider 17.
* Vgl. A. Wilmart, L’ancien Cantatorium de l'Eglise de Strasbourg, Colmar 1892, S. ix.
Hier auch weitere Notizen über Sudermanns Aufenthalt in Strassburg.
„Von den zwölf schefflin“. Eine unbekannte Predigt
Geilers von Kaysersberg
Erstmalig herausgegeben von L. Pfleger
Der Cod. gern. 4° 197 der Staatsbibliothek in Berlin, eine Papier-
handschnft aus dem sechzehnten Jahrhundert 1 , enthält eine reiche
Sammlung von Predigten Geilers von Kaysersberg, die offenbar aus
einem der Strassburger Frauenklöster St. Margareta und Agnes
oder St. Katharina stammt. Die meisten dieser Predigten sind
bekannt; von den wenigen unbekannten möge zunächst die Predigt
« von den zwölf schefflin» hier erstmalig im Abdruck folgen. Sie ist,
offenbar im erstgenannten Kloster, am Agnesentag (21. Januar)
1500 gehalten worden. Die Predigt ist natürlich nur eine Nachschrift,
keine Aufzeichnung von Geiler selbst. Wenn auch der nachgeschrie-
bene Text die Originalität des grossen Predigers nicht getreu wieder¬
gibt, so dürfen wir doch nicht daran zweifeln, dass wir es mit Geiler-
schem Gedankengut zu tun haben. Es ist eine vor Klosterfrauen
gehaltene Predigt, die die bissige Ironie und den derben Humor ver¬
missen lässt, woran seine an das bürgerliche Publikum des Münsters
gerichteten Predigten so reich sind. Um so unverkennbarer ist
Geilers geniale Art im emblematischen Aufbau der Predigt.
Das Stück behandelt nämlich einen Hauptpunkt des geistlichen
Lebens, die Regelung der Seelenbewegungen durch die Gottesliebe“.
Pasee oves meas! Wie die hl. Agnes soll jeder Mensch als guter Hirt
die natürlichen Bewegungen, die ihm Gott als Schäflein anvertraut
hat, auf die rechte Weide treiben, auf der jedes gedeihen und der
Seele zum Heile werden kann. Die Bewegungen der Liebe (amor),
Geiler von Kaysersberg, Von den zwölf schefflin 207
des Begehrens (desiderium) und der Lust (delectatio) sollen auf Gott
gerichtet werden, die des Hasses (odium), der Abkehr (fuga) und der
Traurigkeit (tristitia) auf die Sünde. Ebenso soll der Mensch seine
Hoffnung (spes) dem Himmel zukehren und dabei nicht auf die
eigenen Werke bauen (desperatio); durch die Furcht vor der Hölle
(timor) soll er die sündige Lust dämpfen, fröhlich sein ob Gottes
Gnadenhülfe im Kampf gegen die Feinde (audacia), ferner dem Zorne
(ira) nur Gottes und der eigenen Sünde wegen nachgeben, endlich die
Widerwärtigkeiten still und gelassen ertragen. Man sieht aus den
hier beigefügten Fachwörtern, die Schäflein sind die bekannten
elf Seelenbewegungen der antiken und scholastischen Philosophie,
die Passiones concupiscibiles et irascibiles; der Prediger hat ihnen als
zwölftes Schäflein die Geduld beigesellt 1 .
Nach diesem grundlegenden ersten Hauptteile der Predigt
(S. 208-214) werden die vier anderen kürzer erledigt (S. 214-216).
Der gute Hirt treibt unter den Schafen immer den Widder
vor, dass er die ganze Herde leite; 'st nämlich unsere Liebe
auf Gott hingeordnet, so sind auch alle andern Seelenbewegungen
geregelt. Wenn ferner die Schafe « massleidig» werden, d. h. wenn
die Seelenkräfte in Trockenheit erlahmen und sich zerstreuen, so
muss der Mensch ihnen zur Stärkung das Brot des Wortes Gottes
und des hl. Sakramentes vorwerfen 2 . Der Hirt hat auch immer einen
Hund bei sich, der die Wölfe fernhält: so soll das rechte, vernünftige
Gewissen die Anfechtungen von der Seele fernhalten, insbesondere
auch alle Uebertreibungen und Masslosigkeiten. Der Hirt benutzt
endlich ein « Sackpfifflin #, mit dem er die Schafe antreibt: das Mund¬
stück ist die Furcht Gottes, die Pfeife die Freude am Himmel; diese
steckt in einem aufgeblasenen Sack, aus dem der Ton kommt: es ist
unsere armselige Menschheit, die der Herr getragen und in der er uns
die ewige Seligkeit verdient hat.
Man wird dieser Einkleidung die Eigenartigkeit und praktische
Angemessenheit nicht absprechen: Geiler hat hier, wie so oft, ein
schwieriges Lehrstück dem einfachsten Verstände nahezubringen
gewusst. Was den Inhalt seiner Darlegungen angeht, so wird der
1 Vgl. die Behandlung der Passiones bei S. Thomas, Summa theologica Ia Ilse quasst:
xxn-xlviii. X
* Vgl. dieselbe Zusammenstellung bei Thomas von Kempen, Die Nachfolge Christi,
B. IV, Kap. ii : Dass der Leib Christi und die Hl. Schrift der gläubigen Seele zumeist not¬
wendig sind.
20 &- - - - —L. Pfleger
Historiker der Reformationszeit auf die Bedeutung achten, die der
Gottesliebe in der ganzen Predigt zukommt; ebenso auf die Beur¬
teilung der guten Werke, deren Verdienstlichkeit einzig von Christus
stammt (S.212); auf die Unzulänglichkeit der Furcht vor der Hölle
als Mittel der Gerechtigkeit (S. 212 f); auf die zentrale Stellung des
Gottesgedankens bei der Uebung der Gelassenheit (S. 213f); auf
die Hochschätzung der «Bescheidenheit», d. h. des vernünftigen
Masshaltens auch in geistlichen Dingen (S. 215 f). Die treffende
Form des Ausdrucks zeigt an manchen Stellen der Predigt den
Meister der Sprache. Der Text beginnt in der Handschrift auf Bl. 165*:
❖
Dissepredige liett gedon der erwirdig doc-
tor Joliennes von Keissersperg uff sant Agne-
sen tag im xv« jor; seit von xii schefflin.
Petre, amas me? pasce oves meas. Der herre sprach zu sant
Peter; «Petre, liebst du mich me den disse»? Er antwurt und sprach:/
<t Herre, du weist, daz ich dich lieb ». Do sprach der herre zü jm: « So
weid mynn schefflin». Dis retder herre zü drien molenzüsant Peter 1 .
Und ist diß myn für geleit wort, daz ich red zü eim jeden men-
schen, mit dem ich jnn vermanne, zü weiden sine schefflin, der xii
sint. Daz sint xii nattürliche bewegung, die ein jeder mensch jn jm
hett, do er ein jede sol triben uff die weid, die ir nütz ist. Er sol sin
ein getrüwer fIißiger hirt siner schefflin und v stick an jm haben, noch
der wiß eins hirten. Zum ersten, er trib sine schefflin uff die weid,
die eim jeden nütz und füglich ist. Zum andren, er trib alwegen den
wider vor, der die andren wißt. Zum driten, so sü ettwen maßleidig
werden, so wirfft er jn brot dar. Zümiiij., er hett alwegen by jm einen
hunt, der die wolff vertrib. Zürn v., er hett by jm ein sackpfifflin, do
mit er den Schöffen [Bl. 166] pfifft.
Zürn erste, der gute hirt tribt sin schefflin uff die weid, die eim
jeden füglich und nütz ist. Eym ist güt ein feißte, dem andren ein
döre. Also der mensch sol der seien schefflin nit alle triben uff ein
weid. Wenn die eim nütz ist, do esse daz ander den tod an.
Das erste schefflin ist lieb. Daz trib uff die weid, die Got ist.
Daz lert dich Christus, do er sprach zü dem schrifft gelerten: Hab
Got liep uß gantzem dinem'hertzen 2 . Got ist der hohe düre 3 berck,
1 Joh. 21,15-17. ■ Matth. 22,37. ■ teure, herrliche.
’
Geiler von Kaysersberg, Von den zwölf schefflin 209
dor uff daz schefflin diner seien, die lieb, geweid sol werden. Wo duß
anders hien tribest, do ißt es den dot. Daz wurst du wol gewar, waz
nutzes du do von freist, so du din lieb uff den menschen und die nar-
rehten zitlichen ding leist. On zwiffel gantz nüt gütz. Trib daz scheff¬
lin uff die rechte weid. Kere din lieb allein zü Got mit eym gantzen
gefallen jn jm; denn jn allen geschöpften und niergen uff ertrich mag
daz schefflin nütze weid und settigung finden. Daz bekant wol die
liebe sanct Agnes, do der jiingling, des richters sün, zü jr kam und jr
vil schetz gelopt, daz sü jn solt nemen zü der c. Do sprach sü: Discede
a me etc. Scheid von mir, du f ütcr des todes; uff der weid, daz ich myn
lieb uff dich leit, esse myn sele den dot an. Ich bin von eym andren
liephaber für kummen. Er Ixet ein Zeichen gesetzt jn myn angesicht, daz
ich keinen andren liephaber sol haben den jn. Also [BI. 166 v ] ob sü
sprech: Erhctt sin göttlich byld getruckt jnn mich, daz ich allein jnjm
gesettet sol werden 1 . Uff die hohe egerden 2 trih daz schefflin diner
lieb. Veraht alle ander creaturen. Lieb denn [diese creaturen ] alß vil 3
die almehtikeit, wißheitund gütigkeit Gottes jnn jnnen erglestet*. Was
du anders süchst und liebst: hipscheit, adel, klückeit der wort und
geberden, süclit daz schefflin diner seien nit rehte weid und möcht
gar bald den dot dran essen.
Daz ander schefflin ist begird. Uß der lieb entspringet begird.
tVas der mensch bekennt und liept, daz fohet er denn an zü begeren.
Also so der mensch daz erste lemblin hett getriben gantz in Got, der
daz oberste gut ist, daz der mensch bekennt und liebt uß gantzem
hertzen, so foht er denn an, daz selbe güt zü begern, Got von ougen
zü ougen ewigklich zü sehen und zü niessen. Diß lemblin, diner seien
begird, trib uff die weid der ewigen Seligkeit, die Got selbs ist, und
schick und rieht alle din hertzlich begird deerzü, daz oberste güt ewig¬
klich zü niessen. Weyd daz schefflin uff der weid, also daz du me
und hertzlicher begerst selig zü werden, den alle freid, lust uff ertrich
zü haben. Ein mensch hett von natturen, daz er je etwaz müß begeren.
Es ist ein nattürliche neigung: antweders er begert wise, heilsamme
und nütze ding, oder aber narrchte, zergentliche 3 ding. Selig ist der
mensch, der sine begird jns himel-[Bl. 167]rich rieht, also daz der
ewige fürg eordent will an jm volbrocht werd, daz daz liden Christi
1 Jacobi a Voragine Legenda aurea, hrsg. von Th. Gncsse, Dresden-Leipzig 1846, 1I3 f.
Vgl. auch im Römischen Brevier die Antiphonen der ersten Nckturn des Offiziums der
hl. Agnes am 21. Januar. 1 egerden = brach liegender Acker. 8 alß vil = soweit.
4 erglasten — erglänzen. * zergentlich = vergänglich.
14
210
L. Pfleger
nit an jm verloren werd. Gedenck an die freid und Seligkeit aller
ußerweltcn, die sU liant jn dem Spiegel Gottes, der ir ewige Seligkeit
ist, und roß 1 din begird, do mit es ouch dar zü kummen. Gewcn» din
begird an nütze heilsame ding und spott din selbs, so etwaz nar-
rehter begird in dir uif gond. Gedenck, du bist ein cristcn geischlich
mcnsch. Du solt nit nüt sollicher narrheit und) gon. lieber red dich
selbs. Nym din selbs war, womit ye din begird umb gond, pfetz dich
selbs in ein or, alß ein müter daz kint, so cs sin selbß vergißt Trib
daz schcfflin diner begird ye für und für uff die gf.tte weid, hcilsamme
und nütze ding zu begeren. Wenn so diu begirden deraffter 8 louffen
in denn zitlichcn weltlichen dingen und so du me trurest (daz die
selben ding nit noher gont, alß du anschlest*), denn ums himelrich
oder die ere Gottes, so loufft daz lemblin diner begird uff der weid
der schedelichen wiesten weid, do es gar bald den ewigen dot an
mocht anessen. Dorumb hiet des schefflins wol. Biß und nag dich
selbs umb die narrechten begirden. Nym jr war und schlag in an
allen enden uffs mul, biß du jr ab kommst, und vertrib sü je mit
nützen heilsammcn und gütten begirden.
Daz dritt schefflin ist delectare, last. Diß schcfflin trib ouch
uff die erste weid in Got; denn disse dry schefflin haut ein weid. Uß
der lieb entspringt [Bl. 1G7 V ] die begird, uß der begirden der lust.
Also so du Got uß gantzem hertzen liebst und denn alle din begird jn
jn lichtest, so wurt dir denn über alle ding lustlich und anmutig jm
zü dienen. Disse weid wißt und lert uns der heilig prophot Davit
jn demverß: Delectare in domino, erlüstigen iich in demherren, und
er wurt üch geben die begird oder bittung uwers hertzen 5 . Der gröst
schad der seien ist, do der mcnsch allen sinen lust und anmüt sftcht
in den creaturen. Also on zwiffel so ist es der seien grösler nutz, do
ein mensch mit lust ungezwungen und mit freiden Got dient. Daz
macht dem menschen sine werck nützlich, verdienlich und licht und
Got angenem. Juwelier creaturen Got nit erglestet und erschint, also
daz sü dich reißt, Got liepzü haben, do fint daz schefflin derselenlust
kein nutze oder gutte weid. Do dorumb hftt dich vor, trib daz schefflin
dannen, den es gar bald den tod möchte do essen. Süch allein dinen
lust in Got. Do wurstu in einer stunden me gesettiget, denn jn aller
freid und k urtzwil, die uff erden ist. Lust ist allein ein schefflin, daz
1 rcß von ressen, reffen = züchtigen, schelten.
* hinten nach. 4 wie du dir vornimmst.
a gewen = gewöhne.
8 Ps. 36,4.
Geiler von Kaysersbcrg, Von den zwölf schefflin
211
jm himcl sol geweidt werden, denn niergen uf erlricht fint es gesunde
weid. Selig ist der mensch, der disse dry schefflin kon triben jn die
innerliche verborgene weid, die in Got ist.
Das iiij. schefflin ist haß. Wo sol daz schefflin geweidt werden?
Uff der matten diner siind, do trib es hien, nit wider [Bl. 1G8] dinen
nechsten, denn do esse es den ewigen dot; dorum tribs dannen. Wann
du eis haßest, so bistu ahvegen wider es. Also weid dis lemblin des
hasses, biß 1 wider din sünd. Nym yr war, wo sy in dir uffgondt, es sig
in gedencken, jn reden, jn geberden. Wo du jr gewar wurst, do ker
dinen gantzen haß und Unwillen dargegen und hüt dich dorvor.
Daz v. schefflin ist flöht oder abwenden. Uff welle matt oder
weid gehört dis schefflin? Ouch uff die matt diner Sünden. Wenn eins
eis haßt, so abwent und kert es sich von jm. Also die sünd, die du in
dir gewar wirst und sü haßest, der machtu nit baß ab kummen, den
füg dorvon; den gar bald folgt dar noch der lust und der will, do daz
schefflin diner seien den dot au isßt. Nit bessers ist wider die sünd,
den fliehen dovon und alle ursach miden. Flüt ist die matt, doruff
diner seien schefflin gar sicher ist.
Das vi. schefflin ist truren. Daz trib ouch uff die matt diner sünd.
Wenn eins ein ding haßt und sich understott, von jm zökeren und jm
denn nit alwegen magentpffliehen, so gebirt esjnjmein smertzenund
ein truren. Also wie fast wir die sünd hassen und uns vor jn hüten, so
mögen wir in doch nit gantz entpffliehen. Sü louffen uns noch, denn
an allen enden noch. Dorumb hantwir ursach, alwegen zü truren, daz
wir gesindt hant und tcgelich Sünden und die sünd unsersjne slcn 2 .
Umb kein ander ursach sol ein cristcn mensch truren. Wenn du trurest
[Bl. 168 v ] umb zillicli narheit, so loufft daz lemblin diner seien ober
uff einer schedelichen weid.
Daz vii. schefflin ist hoffung. Daz gehört ouch zü den ersten
drigen szhefflin in denn himel. Do setzt din hoffnung hien, do fint es
ülle 8 weid. Wo du diß schefflin anders hien tribest, do verdirbt es
und wurt mager und eilend. Dich frowet etwen daz zitlich, daz diner
seien grösten schad ist, jo ettwen daz nit eines helblings wert ist, me
denn daz himelrich. Do isß daz schefflin der hoffnung den dot an.
Tribs fürbaß uff die güte weid, kere din gemüt und hoffnung zü der
1 biß = sei, Imperativ za sein.
8 unseres jne[n] sten = im Innern von uns stehen.
* Unverständliche Form; wohl verschrieben für «volle»).
212
213
L. Pfleger
ewigen Seligkeit. Also det die lieb sant Angnes, do sü sprach: Daz ich
gegloubt hab, daz sieh ich jetz, und daz ich gehofft hab ewiges leben,
daz umbfohe ich. Alß oh sü sprech: Dazschefflin mynerlioffnung hab
ich alwegen getriben uff die matt der ewigen Seligkeit: do hien han
jehs gewent, do fint es jetz volle weid genügsamme. Wenn daz sclicff-
lin dincr hoffnung also loufft sweiffen uff der matten der zitlichen
narnechtending, so tribs dennen. Schnawe 1 dich selbs an also: Wo mit
gostu umb, waz frowet dich die narrheit? Du macht doch nit do
von geseittiget werden. Diner seien mag doch do von kein nutz ent¬
springen.Daz anforen macht dich witzig und fürsichtig. Wenn du daz xx
oder xxx mol gedüst, so gewönestu din hoffnung jn himel zu keren.
Daz viij. schefflin ist verzagung oder verzwifflung. Du sprichst:
Ist daz ouch ein güt lemblin? jeh won 2 , ver[Bl. 169]zwifflung wer
siind. Jo es ist ein güt lemblin, wenn du cs uff die rehte weid tribst,
daz ist, daz du verzwifelst und verzagst an allen dinen güten wercken
und nit do von haltest; trib sü al in Got. Do wurt daz lemhlin wol und
sicherlich geweidt. Nit len dich uff din güten wcrck. Wenn du nit sicher
hist, oh sü Gott gefallen oder nit, befielhe sü jm, daz er druß mach,
waz jm gefalt. Daz macht dich gerüwig jn dir selbs. So du gantz zü
unrügen bist jn dincr biclit, so du meinst, du habest nit genügt gebicht,
und wilt denn dich und bichvatter doup 3 bichten und kumpst noch
denn ye mynder zü friden, so ist denn not, daz diß lemblin geweidt
werde uff der matten der verzwifflung, daz du gantz uff din eigenen
fliß verzwiffelst. Gedenck, ob du lang gebichtest, so mahtu doch mit
allen dinen güten wercken nit genüg gedon. So du dinen fliß gedüst 4 ,
so setzt din hertz zü friden und beviel din biclit Got, uß des verdienen
jm alle unser werck müssent angenem werden. Aber hüt dich, daß
diß lemblin nit kumm uff die schedeliche weid, daz du verzwiffelest
an der barmhertzikeit Gottes, ob din gülten werck Got nit angenem
sigen, und domit uff hörest, daz du kein gütten werck me tun woltest;
wenn uff der weid esse daz schefflin bald den dot an.
Daz ix. schefflin ist forclit. Wen eins eim ding nit entrinen, daz
jm schedelicli ist, so fohet es sich an zü [Bl. 1G9 V ] fürchten. Weid diß
schefflin in der forclit der hellen deren der siinder nit mag entrinnen.
Daz macht dich geflißen, wo ein süntlicher lust in dir uff godt, daz
du den vertribst mit der forclit. Doch hüt dich, daz daz lemblin nit
1 mlul snäwen = schnauben, hier im Sinne von «anschnauzen*.
3 wähne, glaube. 3 doup — taub. 4 tuest.
Geiler von Kaysersberg, Von den zwölf schefflin
kumm uff die weid, daz du me umb forclit willen der hellen die sünd
under wegen lossest, denn umb gotz willen; denn do esse diß lemlin
ouch gar bald den dot an. Die forclit der hellen ist allein güt für den
lust der stinden, aber die sünd sollcnt allein umb Gottes willen werden
gelossen.
Daz x. schefflin ist frölicheit oder geliertzikeit. Daz lemblin weid
uf der weiden der hilft Gottes, mit deren du wol und on allen zwiffel
macht überwinden alle anfechtung des tüfels, der weit und dines
eigenen fleisches und alles daz, daz dich under stot von Got zü tribeu.
Daz sol dir billichen bringen ein große freid und geliertzikeit und hüt
dich vor der schedelichen weyd also, daz du erlist 1 und dich dunckt,
du magst nym wider ston. Sprich: 0 herr, in dir vermag ich alle ding 2 .
Daz xi. schefflin ist zorn. Denn het got geschaffen jm menschen,
also 3 ein ander nattürliche neigung, die ein mensch sol jn güte üben.
David spricht: Irascimini et nolite peccarc, jr süllen zirnen und nit
Sünden 1 . Wir Süllen zürnen wider daz unrclit, daz wider Got geschieht;
aber daz wider unß gescliieclit, daz sollen wir nit rechen jn zorn,
[Bl. 170] sunder, so der zorn in dir uff godt, so dir daz würmel jn die
naß fort, so vertruck denn zorn, nit biß gehe 5 und unbescheiden dinen
zorn genuck zü dün. Beschicht aber etwaz, daz wider got ist, so beit 8
der zit und statt, daz du dinen nechsten mit bescheidenlieit macht
stroffen. Uff welle weid gehört diß lemblin? Tribs wider dich selbs,
wider din eigen sünd, do findest du me ursacli, dich zü rechen, denn
an dinen nechsten, do fint es die rehte nütze weid. Wenn du dym zorn
genück düst, gegen dinem nesten dich wilt rechen, so godt daz lemblin
uff der schedelichen und sicheren weiden, do cs denn dot des nides
und hasses möcht essen. Dor umb tribs uff din eigene weyd wider din
sünd und gebresten, bis und nage dich drumm und richs und büß
an dir selber, was du wider Got düst; denn es spricht sanctus Paulus:
Wen wir unß selbs riehten und urteilen, so urteilt unß Got nit 7 .
Daz xii. schefflin ist styll sin oder gesitzen. Diß schefflin weid
uff der matten aller widerwertikeit. Dor under biß styll und loß für
gon und betralit, daz alle ding von Got kummen. Der prophet Arnos
spricht: Ist ouch etwaz. böß in der statt, daz der herro nit het gedon 8 ?
Also ob er sprech: Gütes und büßes geschieht durch denn gewalt
1 erlist = erliegst. 3 Vgl. Phil. 4,13. 3 gerade wie.
4 Ps. 4,5. * mhd gäch = jäh, schnell. 8 mhd biten — warten.
7 Vgl. 1 Cor. 4,3-4- 8 Arnos 3,6.
214
L. Pfleger
Gottes; den oßenvclten kummpt es alles zü nütz 1 . [Bl. 170 v ] Got ist
ein würcker aller ding“; bilt einhunt, Got der bilt mit syin gewalt
me uß jm, den er selber. Dir begegen, waz widcrwertikcit es well, so
wircks und öülz Got me denn alle, die dor zu du nt. Diß betrachten
macht dich styl sin und gedultigjn allen zü veilen, sü sigent gut oder büß.
Also best du die xii schefflin und uff weller matten yedes sin
nütze weid findet.
Kfin daz ander, daz der güte hürt düt, ist daz er vor denn scheff¬
lin tribt denn wider, der sü alle den weg wißt. Mit dem muß er etwen
me unglicks haben, den mit allen Schöffen. Wenn so er nit wol gewent
ist, so ferfiert er sü alle. Undcr dissen schofflin xii, die ich dir hab
geseit, such uß daz widerlin und schicks vor jn allen, daz es sü wiß
uff die rehte stroß. Daz widerlin heißt amor Dei, die lieb, alle begird,
lust, lioffnung, freid, trurigkeit und kurlz alle bewegung des hertzen
entspringen uß der lieb. Wenn daz widerlin amor den rehten weg
künn, so wißt es die andren schefflin alle die rechte stroß, do sü güte
weid finden. Der reht weg der lieb ist Got. Hestu denn von hertzen
liep, alles daz du denn begerst, dorinn du lust, freid oder hoffnung
hest, daz richtestu alles jn Got. Lüg, daz daz widderlin wol gewent sy,
daz Got jn allem dun und lossen gemeint und gesucht werd und ge¬
liebt. Loß dich diß widerlin der rechten gotteslieb ziehen von allem
[Bl. 171] anhang unordelicher lieb und gespielscliafft, von allem
weltlichen lust und freid, von aller ungeordenter trurigkeit. Denn
daz sint ytclicher schedelich weid, do die schöfflin den dot an essen.
Meister und wiße die schefflin alle durch diß widerlin der rehten wol
geordenten gottes lieb, daz got jn allem dinen dün und Ion und über
alle ding gesücht, geliebt und gemeynt werde.
Das dirtte, daz der gälte hirt düt, ist, so die schefflin maßleidig
werden und uff einer fremden matten umbgont sweiffen, so wurft
er jnn brot dar und lockt jn domit zü jm. Die schefflin der selenkrefft,
wie dick werden sy maßleidig, ablegigund kranck, es sig in Übung der
tugende, also daz die lieb, begird, lust, hoffnung, freid und die andren
krefft e[r]ligei. 3 , daz du kein gegenwärtige andacht und befintliche
süssikeit hest und dich kein tugen gelüst*, gantz maßleidig bist jnn
allem güttc; denn 5 so leg den schefflin der selenkrefften brot dar,
daz sü wider gcsterckt werden. Daz brot der seien ist das gotlich wort.
1 Vgl. Rom. 8.28. * Vgl. 1 Cor. 12,6. s Im Text «cligen» offenbar
Schreibfehler für «erligen», d. i. erliegen, nachlassen. 4 gelüstet. 1 = dann.
Geiler von Kayscrsberg, Von den zwölf schefflin 215
Daz hör mit fliß. Du spricht : Wer gibt mir alwegen einen prediger,
der mir dient? Hest jnn nit, so biß din selbs prediger, nym herfiir,
daz du etwen gehört hest, daz dir dozümol gedient hett. Loß dir es
aber dienen. Betracht andechliklich daz lyden Christi, die freid des
ewigen lebens, die pin der hellen, [Bl. 171 v ] die swere der Sünden.
Daz sint ytel gülte predigen, die bringen dich in einen haß der Sünden
und machen dich lüschlich in dem gütten. Und über alle ding sterckt
die krefften der seien daz heilige sacrament dick mit begirden und
andacht zü empffohen. Daz brot will mit begirden und jnnbrunst ge¬
nossen werden, nyt 011 vernunfft, also ein bunt sine spiß jnn sich
würfft. Mit so vil grösser begird und andacht es genossen wart, so vil
me krefft und stercke bringt es der seien krefft. Dorumb, wenn dich
hungert oder maßleidig wurst, so stercke din sele mit dissem heil¬
samen brot.
Das iiij., daz derflißige sorgsam hirt anjm hett, daz ist, er het
by jm einen liunt, der den wölfft von den schefflin jagt. Der hunt der
seien ist die concientz. Die sol steltcns an dir nagen und die zen en-
blecken, wo die wölff der anfechtung der seien krefft wellen zer-
ströwen und ungerüwig machen. On dissen hunt der concientz mag
der hirt der seien die schefflin uff keiner güten weyd behalten. Dorumb
ist not, daz du jn alwegen by dir behaltest, daz er dich uff dem rehten
weg behalt und mit sym bellen vertrib alle anfechtung. Nün wolan,
du hest den hunt by dir. Der stuppff und nagt dich und loßt dir dag
und naht kein rüg, du meinst, du wellest ye alle bewegung der seien
gar reht regieren. Du machst sin aber ouch dick zü vil lieb, begird
und smertzen [Bl. 172] haben über die sünd. Daz ist alles gut; wenn
du sin aber zü vil machst, so trip dich die lieb Gotz alß du wenst, es
ist aber der wolff der Unbescheidenheit, daz dum zum narren wurst.
Win trincken ist gesunt; trinkst sin aber zü vil, du wurst truncken.
Für disse wölff der unvernunfft und Unbescheidenheit loß ouch denn
hunt der rehten vernünffligen concientz die zen enblecken und domit
verjagen. Blyb by der bescheidenhcit, so macht 1 du Got lang dienen.
Das v., daz der hirt düt, daz ist, er hett by jm ein sackpfifflin,
domit er almol den schefflin pfyfft. Also der seien hirt sol ouch by
jm haben ein sackpfifflin, domit er die krefften der selenbewegung
trib, daz sü nit erligen und ful und treg werden, etwen mit der forclit
und etwen mit freiden und hoffnung. Diß sackpfifflin ist zum ersten
1 Magst.
210
L. Meyer
der bummart. 1 , der oben uß godt. Daz ist die forcht Gottes. Diß loß
alwegen jn dir tönen. Also dct der heilige Jerouimus, der sprach"
Ich esse, ich trinck, jeh schloff, jeh düg waz ich well, so dönet in
mynen orenn daz hörhorn: Stont uff jr dotten und kununen zü gericht.
Dissen bummart loß tönen wider alle anfechtung des tiiffels, der weit
und dins eigenen fleisches. Die macht du alle mit vertriben und die
schefflin der selenkrefft geflissen machen jn lugüter Übung, Aber daz
die schefflin nit zä forchtsam und erschrochen werden, so hab ouch
daz pfifflin der freiden. Betracht daz fröliche [BI. 172v] wort, das der
herr zü sinen ußerwelten wurt sprechen: Venite benedicti, k’umment
jr gesegten mynes vatters jn daz rieh, daz üch von anfang der weit
bereit ist 2 . Es sol sich billich frowen ein gütwillicher mensch, daz er
mag ein gantz hoffen und vertruwen haben, daz er durch daz verdienen
unsere lieben herren selig sol werden und die freid des ewigen lebens
besitzen. Got hett daz himelrich nit gensenn 3 gemacht. Er het nit
vergebens gelitten. Sin will ist, daz wir selig werden. Diß pfifflin
steckt in eim zerpflunsenen 1 sack, uß dem der tonn godt in daz pfyff-
lin. Waz ist der mensch anders, denn ein zerpflunsener sack alß 5
eilends ? Uß dem loß gon daz fröliche pfyfflin, daz der herr dissen zer¬
pflunsenen sack ouch angetragen hett, mit dem er sich also beworben
hett, daz er dich selig het gemacht.
Also bewirb dich ouch. Weyd die schefflin diner selenkrefft
und bewegung mit allem fliß, daz daz bitter lyden und sterben unsere
lieben herren an dir mag frucht bringen und dor durch selig werden.
Deo gratias.
1 brummart, mdh bumhart = Schalmai; hier das Mundstück zum Dudelsack
Matth. 25,34. * Für die Gänse d. i. für-nichts. 4 aufgeblasen. ‘alles.
Zwei Andachtsübungen von Strassburger Klosterfrauen
am Ende des Mittelalters
Von Florenz Landmann
In der Strassburger Stadtbibliothek finden sich zwei Bändchen
(7,5:10 cm, Hs. 559 und 560), die nach Inhalt und Form zusammengc-
hören und von einer und derselben Hand am Ende des 15. Jahrhunderts
geschrieben sind 1 . Beide sind in neuerer Zeit zierlich eingebunden
worden und umfassen 44 bzw. 43 Papierblättcr in neuer Zählung.
Sie enthalten in elsässischer Mundart etwa dreissig kürzere Andachts¬
übungen und Gebete, wie sie in mittelalterlichen Frauenklöstern im
Gebrauch waren, im ganzen sehr würdig und sinnig, mit den Lieb¬
habereien der Zeit untermischt, so besonders mit der Andacht zu
St. Anna und der ganzen Verwandtschaft der Mutter Gottes und des
Herren 2 . Einige Stücke erheben sich zu grosser Schönheit, so mehrere
Gebete zum Heilande 3 , wie überhaupt alles zu Christus, dem Gott¬
menschen und Erlöser in Beziehung steht. Wohltuend wirkt die'
starke Fre ude an himmlischen, göttlichen Dingen, die sich überall
1 Früher trugen die beiden Handschriften die Nummern 825 und 825a. Im handschrift-
Uohen Katalog der Stadtbibliothek sind sie als « Livres de priöres en allemand, marfüscrits
du 150 sxöcle» verzeichnet; ersteres näher noch als «livrede priöresä Sainte-Anne ». Einfach
als « Gebetbücher vom 15. Jahrhundert» sind die beiden Handschriften bei Felix Blumstein/
üxcerpta e Catalogo Bibliothecae civitatis Argentinensis, Strassburg 1897,155, vermerkt. y
rh . -fTJ? 3 ' 559 ’ B11 - 38 *- 4 i; Hs. 560, Bll. 2iv-2 9 v ; 3 i- 4 i. Man vergleiche über diese An-
und v ]C ,, 1 P ‘ 7 l da Kleinschmidt, Die heüige Anna, ihre Verehrung in Geschichte, Kunst
si«h« t L F T orscha ngen ^ Volkskunde, Heft 1-3], Düsseldorf 1930; für das Eisass
«siacfi« ' 1 C f^- r ' i 011116 de Sainte Anne en Alsace au moyen-äge, in: Bulletin cccl6-
siastique du Dioc^se de Strasbourg 38(19.9)239-^49: a 7 0-2 7 ä. ■
Ü , 1 *' ls P*eI Hs. 559, Bll. 37-38 v : Sich waschen im Blute Christi, unter dem Namen
von Ilford o ik~ ’ B11, 3 ' 5 V; Fünf Griisse an den Herrn, nach des hl. Bernhard Bericht
lein mm tt° 0 er geehrt; 5Gruss an Jesus im hl. Altarsakrament; 12Y-15V; SiebetGebet- :
Geha4- nir 17 ? 1 um auc ^ an sein offenes Herz, unter Bonaventuras Namen; 18^-19*:
■. v. . na J 1111 eill , cn S u ^ cn Tod. Die Herz-Jesu-Stellen dieser Handschriften sind be--
reits Benutzt und veröffentlicht wonlen. Siehe Medard Barth, Die Hefz-Jesu-Verehrung im
vom zwouten Jahrhundert bis zur Gegenwart [Forschungen zur Kirchengeschichtc
des Eisass, 1. Bd.]. Freiburg i. Br. 1928, S. xiii. 79.80.81.90. . , '
2i8 Florenz tAndniann
ausspricht, ebenso die feste Zuversicht auf Erhörung des Gebetes,
Mitten unter den übrigen Stücken steht auch ein Ilalssegen für Er¬
stickungsfälle, dessen Wucht unverkennbar ist 1 .
Wir haben es hier nur mit den zwei umfangreichsten Stücken
dieser Gebetbücher zu tun, nämlich mit zwei eigenartigen Andachts¬
übungen, die in dem ersten der Bändchen stehen und in etwa auch
über die Herkunft ihres übrigen Inhaltes Aufschluss geben. Die eine
Andachtsübung kann überschrieben werden: « Mit Jesus in die Wüste
gehen» und steht Hs. 559, BU. 3-19; die andere wird im Texte selbst
als «Die geistliche Meerfahrt» bezeichnet und steht ebendaselbst
Bll. 19-36.
I. «Mit Jesus in die Wüste gehen»
1. Zweck und Inhalt des Stückes ist in dem rotgeschriebenen voll¬
ständigen Titel (Bl. 3) treffend angegeben: «Dyß ist ein gute lere,
wie du mitt Jhesu solt in die wyeste gon vnd die lieben heiligen
heymsuchen alle tag».
Der Anfang lautet: «Do vnser lieber her von S. Johanny wart ge-
toufft in dem Jordan 2 , do noch ging er in die wyeste vnd wz do xl tag
vnd nacht vasten 3 vnd wonende mitt den wylden thierenvnd mit den
vögelin, vnd (Bl. 3 V ) die heiligen engel dienten im. In dißer einott
soltu heymsuchen den herren Jhesu begirlich vnd andechticlich...
So ist er eynig gesyn in (Bl. 4) der wilden wyest, dz du dich vereinigest
mitt im, den du ouch dir selbs für alle weit hest erwelt zu einem
einigen lieb». Aus dieser letzten Wendung sowie daraus, dass es später
(Bl. 11) in einem Gebete heisst: «ich arme Sünderin», geht hervor,
dass die Lehre sich an Klosterfrauen wendet.
Zwei volle Tage soll die andächtige Seele bei dem Herrn allein
verbleiben und die Emsigkeit seines Gebetes betrachten, die Strenge
seines Fastens und seine anderen Bussübungen. Vom dritten Tage an
soll sie auch die Wohnungen der heiligen Einsiedler aufsuchen, jeden
Tag einen andern, zuerst Moses und Elias, dann Johannes den Täufer,
Johannes den Evangelisten, Paulus « den ersten eynsidel», Antonius,
Onofrius, Arsenius, Hilarius, Abraham, Martinus «den milten by-
schoff», Benediktus, Maurus, Hieronymus, Egidius, Augustinus,
darauf «all e einsydel, von den nitt geschribcn stot vnd der nam gott
* Hs. 560, BI. 30». Dieser Halssegen wird veröffenüicht von Joseph Lcfftz, Alte Heil-
segen und Beschwörungsformeln, im nächsten Bande des ArchfElsKr vi'10-12'1
! Matth. 3,13-15. » Matth. 4,3. Luk. 4,3. b ‘
2 wei Ändachtsiiburigen von Strassburger Klosterfrauen 219
allein bekant ist», ferner alle heiligen Einsiedler und Klosterleute bei¬
derlei Geschlechtes, dann insbesondere Maria die Aegypterin und
« alle seligen frowen, die gott in der eynott hant gedienet», endlich
neben allen seligen Einsiedlern auch jene, «die von dem zarten an-
dechtigen frowlichen geschlecht gott manlich hant gedienet in clo-
stern». Damit ist die erste Hälfte der vierzig Tage vorüber; die übri¬
gen zwanzig Tage soll die Seele denselben Weg « hinder sich» zurück¬
kehren, bis sie wieder zu Jesus kommt und zu seiner Versuchung
durch den Teufel am Ende seines Aufenthaltes in der Wüste.
Es wird für diesen Wüstenbesuch als äussere Uebung ein erstes
kurzes Gebet angegeben, das jeweils an die einzelnen Heiligen zu
r.chten ist (Bl. 7 V ); ein zweites, in dem ihre ganze Schar gemeinsam
begrüsst wird (Bl. 8''), endlich ein drittes, durch das der Herr selber,
unter Hinweis auf die ihm dienenden Engel und diese Einsiedler, ver¬
herrlicht wird (Bl. 9 V ). Isicht allein diese Gebete sollen täglich ver¬
richtet werden, die andächtige Seele soll die ganze Zeit hindurch auch
die Buss- und Andachtsübungen des Herrn betrachten und zu Ehren
aller Stunden, die er in der Wüste verbrachte, jeden Tag 24 1 Pater
noster oder Laudate Dominum omnes gentes (Ps. 116) mit Gloria
Patri usw. beten (Bl. 12ff).
2. Die drei kurzen Gebete wie die Betrachtungen sind alle innig
und dringend. So wendet sich die Seele, nachdem sie in dem ersten
Gebete den Tagesheiligen um Treue in ihrem Berufe angefleht hat,
voll Freude an die ganze Schar der Einsiedler (Bl. 8 V ):
! «0 du heilige wyeste, blugende (= blühend) mit den bl&men
Christi 1 0 edelcs gewild, do geboren werden die kostbaren leben- (Bl. 9)
digen stein, von den gebuwen wurt die statt in dem hymel 1 0 selige
eynott, dich frowet gottes frintliche heymlicheitl Sygest gegrußet,
° du gott geliepte vnd angeneme schar, brennen mit hytziger liebe
gottes, vor züten (= Zeiten) gepiniget mit armüt vnd strenger herti-
keit der wylden wyeste vnd (Bl. 9 V ) nun zu der sußikeit der ewigen
wolust w.rdiclichen geleitet durch die barmhertzikeit gottes I 0 du
gott liepliche geselschafft, bytt für vns Christum vnsren herren.
Amen».
Das Gebet zum Herrn beginnt mit dem Anrufe: « O ein bl um des
Veldes vnd ein lilia conuallium 3 , 0 du aller stärkster herr Jhesu Christe »
(Bl. IQ), un d ist voll des Dankes für seine Menschwerdung, sein Leiden
1 Im Text steht wohl irrtümlich xxxiilj. • Cant. 2,r.
220
Florenz Landmann
und Sterben und insbesondere für das Beispiel seines harten Lebens
in der Wüste. Alle Tage, an denen die Seele ihn heimsucht, soll sie
seine Buss- und Gebetsübungen folgenderweise betrachten (Bl. 12 v ):
« Dz kalte herte ertrich vnd die herten steyn woren sin bett, der
hymel wz sin gedeckt, es regnet vnd schnyet vff in. Er wz der aller
strengeste einsydel, der ye wart vnd yemer wurt.Die andren ein-(Bl. 13)
sydel ossen vnd truncken, er aß noch tranck nyc in den xl tagen, vnd
detdöt (= tat) doch keinem monschen hunger vnd durst nye so we
als dem herren von Zartheit wegen siner edelen monscheit vnd mensch¬
lichen natur. 0 wie groß vnd inhytzig wz do sin gebett, dz er deth
zu sinem hymelschen vatter! O wie vil woren siner trehen (= Tränen) 1
O wie (Bl. 13 v ) tyeff sin sufftzen, wie begirlich sin ougenblick vff in
den hymel zu sinem hymelschenvatterl Owie dick(=oft)ist er nyderge-
knüwet, o wie dick ist er nyder gefallen vff dz herte ertrich, an syn
venie (d. i. auf den Knieen) für sinem hymelschen vatter für vns
armen sunder zu bitten, vns mit im zu Versionen! ;>
Die andächtige Seele soll « zu lob vnd eren allem dem eilende,
hunger vnd durst, frost, kelte, regen vnd schnce, wint lufft vnd alles,
dz vnser lieber herr in der wyeste gelytten hett» (Bl. 15) alle Tage
auch einmal den 21. Psalm Deus, D eus meus respice beten und dem Herrn
im Geiste ihre Dienstbarkeit bezeigen (Bl. 14 v ): «als dem herren sin
fyeß weschen vnd dz ertrich fegen, do er knüwet vnd weinet, vnd
dem herren noch zu gon in der wyeste mitt den tyerlin, die dem heren
noch gingen vnd sich im leiten zu sinen fußen vnd im dienten vnd ere
erbuten als irem schopffer noch irer art».
Aber mit dem Beten und Betrachten allein ist es nicht getan,
es soll damit auch besonders die innere Abtötung verbunden werden.
Schon in der Einleitung ist gesagt, dass die Andachtsübung den Zweck
habe, die Seele «zu zyhen von vnordenlichem anhang» (Bl. 3 V ). Jetzt
wird die Vorschrift gegeben (Bl. 15):
« Item brich dir ab (Bl. 15 v ) alle tag etwaz, es syg wie dein es
wolle, ein vnnütz wort oder einen willen brechen, vnd swyg alle tag
ein stunde vnd schick es dem heren [in] die wüest vnd spyse in do mitt.
Ouch schick alle engel vnd heiligen zu im... vnd bytt sy, dz sy im
alle dienst bewysen für dich als irem (Bl. 16) gott vnd herren. Ouch
sol man in der wüste fliehen alle creaturen vnd swygen halten an allen
stetten vnd ouch ein innerliches swygen han in allen dingen, die dich
zu wyderwertikeit bringen vnd zu pinlichkeit: do soltu dich geloß-
Zwei AndachtsÜbungen von Strassburger Klosterfrauen
221
liehen halten in dinem hertzen vnd nitt vsß brechen vnd dich nitt
loßen mercken».
Im Zusammenhänge mit solchen Selbstüberwindungen wird
empfohlen mit den Engeln und Heiligen das Te Deum laudamus zu
beten, ferner « an der erütz venien» (Bl. 16 v ), d. h. kniend mit ausge¬
streckten Armen, drei Pater noster: « dz erste der großen demutikeit
gottes, dz ij. siner großen gedult, dz iij. siner gehorsam, die er hett bytz
in den dot des erützes»; ebenso nach der Complet jedes Tages noch
fünf Pater noster « dem lyden Christi zu eren».
3. Am Schlüsse des Ganzen ist alles, was in den vierzig Tagen in der
Wüste nach dem Beispiele der hl. Einsiedler zu üben ist, noch ein¬
mal übersichtlich in fünf Stücklein zusammengefasst (Bl. 18):
«Das erste lydige abgescheydenheit; dz ij. lutere vffgezogen-
heit; dz iij. flyßige Übung der tugent vnd guter wcrck; dz iiij. wider-
strytt dem bösen geist vnd siner anfechtung; dz v. strenge hertikeit
in vasten, wachen vnd andrer (Bl. 18 v ) Übung, alles in gedult soltu
diß thfin. — Item für dz erste soltu alle tag ein stund swygen von
aller red; dz ij., lyß alle tag etwzvon dem leben vnd lyden Christi,
wie kurtz es ioch ( = auch) ist; dz iij., so bett die vorigen gebett;
dz iiij., brich dinen willen in etwz vnd thun ein widerstant dem bösen;
dz v., 1yd etwz gedulticlichen vnd loß für gon, dz dich ver- (Bl. 19)
drußet, vnverantwurt, durch dines einigen liebes ( = Geliebten) willen
in der wyeste vnd der heiligen, die du den tag heymsuchest».
Man wird gestehen müssen, dass wir in dieser Andachtsübung
eine Anleitung zu echter Frömmigkeit vor uns haben. Es geht alles
darauf hinaus, die Seele von Klosterfrauen, die in der Einsamkeit
lebten, und wohl auch von Einsiedlerinnen und sogenannten Inklusen,
loszumachen von der Welt und allen unordentlichen Neigungen, um
sie mit Christus «ihrem einigen lieb in der wyeste » zu vereinigen und
zu trösten. Auch die Zeit des Kirchenjahres ist angegeben (Bl. 17 f),
in der sie diese Andachtsübung vornehmen sollen. Es ist nicht die
Fastenzeit, in der ja das Leiden Christi der Gegenstand der Betrach¬
tung war, sondern die vierzig Tage vom Feste der hl. Drei Könige
(6. Januar) bis zum St. Veltinstage (14. Februar), oder aber von der.
Oktav jenes Festes bis zu Petri Stuhlfeier in Antiochien (22. Februar):
« Vnder dißen zweyen nem ein jedes, wz er will vnd im diente». Der
Beginn am Dreikönigstage, also 13 Tage nach Weihnachten, wird
damit begründet, dass Jesus, als er in die Wüste ging, 30 Jahre alt.
222
Florenz Landniann
war und 13 Tage. Eine weitere Rechnung an dieser Stelle scheint
alle Stunden des Lebens Jesu auf 328.500 anzusetzen.
Polier die Andachtsübung zu Jesus in der Wüste stammt, lässt
sich nur aus dem folgenden Stück erschliessen.
II. «Die geistliche Meerfahrt»
1. Dieses Stück des Bändchens ist insofern bedeutsamer, als es
am Anfang vor dem Titel eine Notiz über Herkunft und Verbreitung
tragt (Bl. 19). « Dyß nochgeschnbcn seit von einer guten löblichen
gewonheit vnd Ordnung, die die lieben muteren von Vnderlynden zu
Sant Agnescn in dz closter zu sant Margretha (Bl. 19») hant bracht
vnd die in vd clostern lerlich gehalten wurt vnd ist genant die merfart».
Diese Andachtsübung stammt also aus dem Dominikancrinnen-
kloster Unterlmden in Colmar, das schon 1419 von Schönensteinbach
aus zur alten Strenge der Regel zurückgeführt worden warb St. Agnes
in Strassburg, wurde wegen der Kriegsgefahr von Seiten Karls des
ahnen im Jahre 1475 durch den Magistrat im Interesse der Stadt¬
befestigung abgebrochen und mit St. Margaretha vereinigt®. Beide
Domimkanerinncnklöster waren schon vorher von Unterlinden aus
reformiert worden», und die von dort nach St. Agnes gesandten
Schwestern brachten also bei ihrer Uebersiedelung im Jahre 1475
die « Meerfahrt» nach St. Margaretha mit. Sie scheint erst von hier
aus eine weitere Verbreitung gefunden zu haben. So fasse ich wenig¬
stens den Anfang der erzählenden Einleitung auf, die gleich auf den
Titel folgt und — mit Einschiebung zweier Wörter — folgendcrweise
im Briefstile des hl. Paulus beginnt (Bl. 19v):
* Dye genodenrichen mutren vnd swestren [von Sant] Marga-
retha vnd Vrsula von Maßmynster, die ein yeder züt ir ordenung
M .* , S i e IJst 5 I . d ,' :r d H c ? 1 die Domi nikaner reformierten Fraiicnklöster bei K Schieler
Magister Johannes Nider, Mainz 1885,169 ff. mclcr '
, * Si « hed ^" ber Nscph Gass, Vergilbte Blätter. Notizen und Excerpte aus alten Büchern
und Handschriften, Strassburg 1918,15-30. nach einer Handschrift des Strassburger Priesto
semmars. Ueber die späteren Schicksale des Klosters siehe M. Th. de Bussierre HisSre da
__ , ’ Nach der ebengenannten Liste bei Schieler geschah dies für St Agnes im Tahre
W ; tas ' D “ «tato Verzeichnis der deutschen 1
kl oster [Quellen und Forschungen zur Geschichte der deutschen Dominikaner Heft 24!
Leipzig 1928 Darnach u-urde St. Agnes 1465 auf Bitten der Priorin Brid MeltaWen refor¬
miert und reformierte dann bei seiner Vereinigung mit St. Margaretha auch diäi Kloster.
Zwei Andaclitsübungen von Strassburger Klosterfrauen 228
wyßlich geben kunt. So dan die züt der septuagesima nohete, so mante
sye die swestren gar muterlich, dz sy ingedenck weren der heiligen
zukunfftigen (Bl. 20) züt, indem wir ermant werden vnsers ersten falles,
die Adam vnd Eua gethon hant, auch dz cdelc züt, dz der ander Adam
Christus Jhesus vns des ewigen Schadens wider bringen wolt durch
syn heiliges lyden, leben vnd sterben, dz do anfohet an dem tag der
septuagesima. Also rfiffte sy vß vnd mante die swestren, ein geist¬
liche merfart zu thün (Bl. 20 v ), dz ist alte böse gewonheit vnd
vnordenlich leben zu loßen vnd den vntugenden zu widerston».
Die Schwestern von St. Margaretha schickten also, nach dem
ersten Satze zu schliessen, die ct Meerfahrt» in Briefform an andere
Klöster, insbesondere Ursula von Masmünster, eine Mutter, die diese
Andachtsübung jederzeit weislich anzuordnen verstand. Wie nämlich
nach diesem Satze des weiteren erzählungsweise eingeschoben wird,
rief sie an Septuagesima jedes Jahres, um den Sündenfall der Stamm¬
eltern und das Geheimnis der Erlösung würdig zu begehen, die Schwe¬
stern zum Kampfe gegen die bösen Gewohnheiten auf. Manche Men¬
schen, heisst es da weiter, könnten ihrer Schwäche oder Verhärtung
wegen nur gemeinsam mit andren Gleichgesinnten zusammen Fort¬
schritte im Guten machen. Das habe die vorgenannte weise Mutter
gesehen und die jungen Schwestern aufgefordert, sich für diese Meer¬
fahrt « über dz wüten mere alter böser gewonheit» (Bl. 22) zu sam¬
meln, damit sie sich gegenseitig stärken und bei etwaigem Nachlassen
oder Versagen einander helfen könnten. Die näheren äusseren und
inneren Vorbereitungen und der Aufbruch zur Fahrt an Septuagesima
nach der Vesper werden dann noch mit folgenden Worten geschildert
(Bl. 22»):
* Also in der nechstcn wochen vor der septuagesima, so ordenet
sye vnd mante die swestren, dz sy iren frunden gar vernunffticlichen
abseiten, dz sy die heilige züt nitt zu in kernen an dz redefenster: sy
wolten sich die züt solliches trostes ver-(Bl. 23) ziehen. Ouch am frydag
vnd samstag vor der septuagesima, dz sy sich mitt sunderer andocht
schickten mitt bycht vnd dz heilige sacrament vff den suntag emp¬
fingen. Sy seit ouch inen, wie sy sich halten solten vnd vest vnd stett
synn vnd nitt erschreckten, wen der anfang also swere ist. Dz thfit
die vnubung vnd allte böse gewonheit. Do sy sych nän wol geriecht
(Bl. 23z) von vßen mitt den frunden vnd von innen mitt der bycht,
so musten sy alle bereit sin vff die fart zu vesper züt. So man das
224 Florenz Landmann
Allma Ieit (= beendet), so gingen sy alle in denkorvndopffert.cn sich,
dem geerützigten Jhesu zu lob vnd zu eren, diße heilige ziit in dz
schyfflyn des lydens Jhesu Christi, vnd so woren sy dann alle bilgerin
vnd furten do hin: In gottes namen faren wir, — Sincr genoden be-
geren wir, usw».
" Es handelt sich also bei dieser Meerfahrt von Klosterfrauen um
die Betrachtung des Leidens Christi in der Vorbereitungszeit auf
Ostern mit dem praktischen Ziele, bis zu diesem Feste die verkehrten
Gewohnheiten in gemeinsamer Arbeit abzulegen.
2. Erst jetzt (Bl. 24) beginnt, dein obigen Eingangssatze im Brief¬
stil entsprechend, die eigentliche Anweisung zu der Andachtsübung
in direkter Anrede: «Die ordenung vnd weg, do die bylger hin faren
sollen, ist diß ». Einmal nennt die ehrwürdige Mutter ihre Mitschwe¬
stern dabei auch: «Myn lieben kinde». — Es wird hier folgendes
angeordnet: Solange die Schwestern auf der Meerfahrt sind, sollen
sie keine Chorzeit versäumen, ihre Aemter im Hause redlich führen,
pünktlich an alle die Stätten kommen, wohin das Zeichen sie ruft,
ferner gänzliches Schweigen halten bis zum Ostermittwoch, besonders
aber Demut, Geduld, Liebe und Gehorsam unter einander üben.
« Wolche diße ding übergont mitt verdochtem müt (d. h. mit bedach¬
tem Sinn), sollen betten v Pater noster vnd ein discyplin nemen mit
v streichen, so man dz Allma (im Text: alleluia) hin leid». Das Wich¬
tigste aber bei allem dem ist die Versenkung in das Leiden Christi,
das in den neun Wochen bis Ostern in folgenden Abschnitten betrach¬
tet werden soll (Bl. 25):
«Dye erste woch sollen ir die vor genanten stuck halten zu eren
dem innerlichen (Bl. 25 v ) lyden der edelen seien Jhesu Christi: dye
ander wuch dem vßerlichen lyden, smerizen vnd pinliclien empfinden
der monsclieit Christi; dye drytte woch allen dem mittlyden, dz der
herr Jhesus hett mitt siner zarten muter vnd mitt allem monsch-
lichen geschlecht; dye iiii. allen sinen zarten, heiligen wunden; dye v.
woch sinent heiligen bl&tvergyeyßen; die vi. allen sinertzen, so (Bl.26)
er am erütz leide; die vii. siner grundeloßen geloßenheit; dye acht
siner großen liebe, in der er vns dz heilige sacrament 'gab; dye ix. dem
byttren tod vnd sterben Christi».
So könnten sie wohl in Sicherheit dahinfahren und bewahrt
werden vor den Feinden und vor den bösen Winden und Wellen alter
Gewohnheiten und Nachlässigkeiten, Wenn eines sich versehe in einem
Zwei Andachtsübungen von Strassburger Klosterfrauen 225
Punkte, so sollten die andern es mahnen; wenn es aus Leichtsinn das
Schweigen breche, solle es ein Pater noster beten. Wem es schwer
werde, seine alte Gewohnheit zu lassen, solle zum Kreuze Christi
fliehen und zu dem Gebete der Mitschwestern. « Vnd so die winde
der widerwertikeit kumen vnd die wellen in dz schyff wollen schlagen,
so sollen ir zu dem schyffman, dem heiligen geist schryen vnd räffen:
Veni sancte! — Ryecht vff (Bl. 27 v ) den segel, — Die wind sint hie».
Es werden dann für die Reise des näheren noch kurz folgende
Ausdeutungen gegeben. Das Schiff, in dem die Schwestern fahren,
ist ihr heiliger Orden und ihr Gelübde; der Mastbaum ist das Kreuz
und Jesus an dem Kreuze; das Segel ist das Kleid, in dem der liebe
Herr verspottet wurde; das Ruder führt der hl. Geist, der ist der
Schiffmann; der Vater mit seiner Allmacht ist der Steuermann; die
zwölf Apostel, auf jeder Seite sechs, « dz sint die die riemen ziehen»;
der Meeresstern ist die reine Gottesmutter. Auch alle Engel und heili¬
gen Patriarchen und Propheten sollen sie in das Schiff einladen, « be-
sunder her David mit sincr (Bl. 29) harffen vnd seiten spiel, dz du
verlrybst alle betrupniß, die do fallen mocht in dem schyff, dz du
fröhlich mögest über schyffen».
Jeden Mittwoch findet eine Art gemeinsamer Gewissens¬
erforschung und schwesterlicher Zurechtweisung statt: «An der
mittwoch soltu kumen zu den andren vnd ordenen, wo du furbz schyf¬
fen wollest vnd lugen, ob du vß dem schyff sygest gefallen, dz du
wider darin werdest gezogen. Dyß sol geschehen on lüchtuertikeit».
Jeden Morgen soll die Pilgerin zu Gott flehen, dass er ihr den Tag
über glücklich vorwärts helfe und das Schiff keinen Schaden nehme;
auch täglich — « so du es von vnmüß magst gethun» — fünf Pater
noster zum Leiden Christi beten, je nach der Woche, wie es vorge¬
zeichnet ist, und zwar (Bl. 2C V ) «für dich, arme bilgerin, vnd die hei¬
lige crystenheit, für die armen sund.er vnd die armen seien». Und
dann die frohe Ankunft! «Wen dz schyff begynnet dem staden
nohen, den so singent frolich: Alleluia und Te Deum, Der österliche
oben ist kumen! »
Dieser Uehergang von der Betrachtung des Sterbens Christi zu
der Betrachtung seiner Auferstehung wird folgenderweise vorgeführt:
«Wen ir nun in der ix. wochen gefaren vnd (Bl. 30) gearbeitet
hant zu eren dem tod vnd hertzbruch, dz zu nonen geschähe, do wart
er zu complett geleitt in dz grab. So soltu gon vnd suchen dz heilige
15
220
Florenz Lamlmann
grab vnd do warten des fröhlichen ostcrtages mitt sancta Maria Mag¬
dalena vnd mitt den xii botten, dz dir Jhesus do erschyn mit siner
genoden, also dz ir an der ostermittwoch fröhlich zusamen kumen
vnd (Bl. 30 v ) essen mitt dem erstandenen Christo honigwaben vnd
gebroten fysch. Darzu sollen ir laden die xii botten, die do vast (= fest)
an dem riemen hant gezogen. Wolgemut vnd fröhlich sollen alle die
syn die ir merfart mitt flyß volbracht hant vnd boßer gewonheit
widerstanden hant».
Es findet also am Ostermittwoch die Auflösung der Gesellschaft
der Schwestern statt, die auf der Meerfahrt bis zum Ende ausgeharrt
haben. Und hier wird nun mit einer gewissen Ironie über die Schwäche
der anderen wie über die eigene Schwäche geschlossen:
«Doch soltu erbermd (= erbarmen) han über die, die do wol
hant angefangen vnd übel ge-(Bl. 31)endet. Schatt nitt, ob ir in spotten.
Domitt kere aber yederman zu im selber vnd loß nitt ab von dem
guten, dz ir die ix Wochen gesamelt hant. Wen alter schad ist bald
ernuwertl Vnd frow (= freue) dich, ob du volharret byst in dem
guten. Amen.»
3. Was nun noch folgt, ist erläuternder Zusatz im Anschluss an
•allerlei Pilgersitten der Zeit 1 . «Der bylger sol haben einen hält,
einen mantel, einen stab, ein secklin mitt brott vnd ein flesch (Bl. 3U)
■ mit win.» Diese Dinge werden mit Tugendübungen in Beziehung ge¬
setzt und mit der Verehrung des Leidens Christi:
«Item für den hüt, flyß dich großer behutsammkeit in sehen, heren,
reden, gon vnd ston und alles, dz dir din hertz entruwigen (= beunruhigen)
mag. Für in din liertz den süßen Jhesum mit dem smertzen so vil tyeffcr
wunden, die er in sinem göttlichen houbt enpfangen hett in siner heiligen kro-
nung. Hett alle tag: Aue benignissime Jhcsu fünfzig mol. Item für den mantel
■ (BI. 32) flyß dich großer gedult in aller widerwertikeit. Ob du ioch mitt
vnrecht angclogen wurst, darzu swyg zu eren dem verspotten vnd spottlich
kleiden vnd enploßen Christi. Sprich teglig v mol die Antiphon: Aue rex noster.
Item für den stah flyß dich ganzter haltung dines ordens, so ferr dir muglich
ist gehorsam hall), besonder in dem göttlichen dienst. Wo du dir selber ab-
(Bl. 32 v )gost, nymm ein disciplin mit v streichen zu eren der gcischelung
Christi. Für dz brot vnd win, flyß dich in der meß ein geistlichen Zugang.
Bitt Jhesus, dz er dir din secklin bereit mit der spyse, die er selber ist, und din
sele spyse mitt siner liebe, trenck mit siner genoden, die dich storck, din fart
zu vollbringen, dz du nitt eriygest vff dem weg».
> Geiler von Kaysersbcrg ist in seinen Predigten in ähnlicher Weise auf den Pilger und
seine Eigenschaften oft surückgekommen. Siehe L. Pfleger, Zur handschriftlichen Ueber-
Uefernng Geilcischer Predigttexte, in: ArchfElsKg 6(1931) oben S. 197.
227
Zwei Andachtsübungen von Strassburger Klosterfrauen
In ähnlicher Weise wird dargelegt, wie der Pilger bei jeder Meile,
die er zurücklegt, beten, wie er bei jedem Schritte, den er tut, an die
Wege Christi und seiner Mutter denken soll. Das harte Lager des
Pilgers erinnert die Schwester, genau zu sein bei der Mette und « alle
nacht einen sundren kere zu dem lyden Christi» (Bl. 33 v ) zu tun;
der Mangel an guter Speise ermahnt sie, sich abzubrechen « etwz dz
dir lustiich ist vnd nitt notturfftig ist». Wie sie die Ruhestatt in Christi
Wunden und insbesondere in seinem Herzen aufschlagen soll, ist in
folgender We ! se ausgeführt.:
« Für die ruwestatt, so die bylger gewonlicli suchen, soltu (Bl. 34) teglich
din Zuflucht haben zu demherren an dem erütz Vnd dich in sin wunden sencken.
Betracht sin hohe andoclit, inbringstige liebe, voikumene gehorsam, dyeffe
demutikeit vnd große gedult in versmecht vnd Verspottung siner fygent, do-
gegen die große gutikeit sines milten hertzen gegen in vnd vns, sin heyßen
trehen, tüffen sufftzen, sin andechtiges gebett vnd (Bl. 34 v ) großen smertzen,
engstliche pünigung von innen. Hie nymm din statt vnd nüß (= geniesse) die
süße frucht dyß boums noch begirde dines hertzen; hie such die lebendigen
brunnen, by den du dinen durst erloschen machst, dz göttliche hertz Jhesu,
die iiii lebendigen kener (= Kanäle) siner heiligen hende vnd füß, die alle züt
tropffen den balsam göttliches trostes. Bett die grüßiin S. Bernhardi* 1 .
Wie der Pilger schon unterwegs die Kirchen besucht, Ablass holt,
Messen anhört und Opfergaben bringt, so soll die Schwester täglich
in den sieben Hauptkirchen Ablass holen und den Vigilien fleissig
beiwohnen für die armen Seelen. Um auf der Reise sicher zu sein,
soll sie jeden Abend demütig anklopfen und Herberge begehren und
«morgens (Bl. 35 v ) etwz gebettes do loßen zu dankbarkeit». Wenn
sie endlich ins hl. Land gekommen, «zu dem heiligen grab, darin
vnser aller groster hertzen trost lyt, Jhesus», dann soll sie auch ihr
Opfer bereit halten und mit Demut ihm darbringen, darauf einen oder
zwei Tage dort bleiben, endlich Urlaub nehmen und seinen väterlichen
Segen erbitten, der ihr nicht versagt wird. Es folgt zum Schluss die
Mahnung für die Heimkehr (Bl. 36): «In dem widerkere halt dich
in solcher moß, also du vß byst gangen; den hoff ich, du hest die
walfart wol vollbracht».
4. Die geistliche Meerfahrt ist eine schöne Andachtsübung für
Klosterfrauen, das Leiden Christi jedes Jahr neu auszumünzen für
ihren gemeinsamen Fortschritt in der Selbstüberwindung und in der
Gottesliebe. Es ist bekannt, wie der Dominikaner Felix Fabri aus
Ulm in den Jahren 1480 und 1483 zweimal die Reise nach dem heiligen
1 Es ist damit das oben S. 217 Anm. 3 genannte Stücklein aus Hs. 560, Bl. SS V , gemeint.
228
Florenz Landmann
Lande machte und sie in einer eigenen Schrift ausführlich beschrieben
hat 1 . Er hat 1494 auch eine « Sionspilgerin» verfasst 2 , deren Zweck
der Titel näher angibt: «Wie ain gaistliche junckfrow oder ain anderi
gaistliche person soll uß irem closter oder uß ir samnung, cluß oder
huß in bilgers wiß gan gen Jherusalem zue den hailigen stetten, aun
ußschwaifung durch die weit, mit gaistlicher, tugetsamer, stiller
yebung». Unsere «Meerfahrt» geht dieser Schrift voraus und hat
einen ähnlichen Zweck, so dass der Gedanke nahcliegt, die « Sions¬
pilgerin» sei durch sie angeregt worden.
In Ion und Haltung, in dem Aufbau, den Betrachtungen und
Gebeten gleicht die « geistliche Meerfahrt» ganz der ersten Andachts¬
übung zu Jesus in der Wüste, so dass wir auch für diese das Kloster
Unterlinden als Ursprungsort annehmen dürfen. Man beachte be¬
sonders die Stelle, an der in der Meerfahrt von den Wanderungen
Jesu aus Liebe zu uns die Rede ist (Bl. 33):
«Betracht in danckbarkeit alle die arbeitsamen fußlritt, so
Jhesus in hytziger begirde vnd liebe ye gethon hett, zu suchen dz
verloren schefflin (= Schäflein), do er ist gangen barfuß durch wint,
sehne vnd regen, von stetten zu dorffren vnd castcllen, so dick ver-
mudiget, aber nyc vertroßen. Der eilenden fußtrytt in (B1.33v) sinein
lyden sint gesin vi m i c vnd xiiii» (=6114).
Mir haben hier dieselbe Vorstellung von dem natürlichen Schau¬
platze des Lebens Jesu wie dort und dieselbe Lust, mit genauen
Zahlenangaben aufzuwarten. Dass der Heiland und sein bitteres
Leiden und Sterben im Mittelpunkte des Denkens und Fühlens dieser
Ordensfrauen stand, geht aus beiden Andachtsübungen deutlich
hervor. Die drei geistlichen Lieder, ein Wallfahrtslied 3 , ein Heilig-
Geistlied und ein Osterlied 4 , auf die angespielt wird, werden dem
Kenner nicht entgangen sein.
1 Vgl. Fratris Felicia Fabri Evagatorium in Terra Sancta, Aiabi® et Eeypti Perecrina-
tioriem lirsg von C. D. Hassler, 3 Bde [Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart
2.-4. Brl.J, Stuttgart 1843.1849. b ’
* S , ie ist in eincm Bande in-120, 409 Bll., der Ulracr Stadtbibliothek, Cod. 0727 d- I F
30 erhalten. Vgl. M. Häusler, Felix Fabri aus Ulm und seine Stellung zum geistigen Leben
seiner Zeit [Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance hrsg von
W. Gcetz, 15. Bd.J, Leipzig 1914, S. vi.
* * 1)33 Licd <' In ?, ottra namen faren wir» steht bei Phil. Wackemagel. Das deutsche
Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts, 2. Bd. Leipzig
1867. 615-517 ^«78-683 und bei Wilh. Baumker, Das katholische Kirchenlied in seinen
Singweisen, i.Bd. Freiburg 1. Br. 1886, 572-578 n. 295-296
* Diese beiden Lieder, «Veni Creator, Ryecht uff den scgel, die wind sinthic» und
«Der österliche oben is kurnen», finden sich weder bei Wackernagel noch bei Bäumker.
Geilers Seelenparadies im Verhältnis zur Vorlage
Von Adolf Vonlanthen
1
Die ältere Geilerforschung bemühte sich in erster Linie um die
religionsgeschichtliche Stellung Geilers 1 . Leben und Werk des grossen
Strassburger Predigers wurden dementsprechend ausgelegt und ten¬
denziös ausgebeutet. Schuld an dieser frühen polemischen Stellung-
1 nähme war nicht zuletzt der Umstand, dass seine Schriften schon
1559 auf den Index der von der Kirche verbotenen Bücher gekommen
waren. Folgerichtig trug ihn 1562 Flacius Illyricus in seinen Cata-
^ logus testium veritatis evangelicse ein 2 . Damit war das Gcilerproblem
gestellt und eine einseitige, anscheinend auch für die Folgezeit gül¬
tige Lösung gegeben.
Die Forscher des 19. Jahrhunderts griffen sie wieder auf und
suchten im alten Geleise weiter. Abgesehen von dom unparteilichen
Werke Ammons 3 vertraten nacheinander Röhrich 4 und in kleineren
Lebensbeschreibungen Edel, Fuchs, Schäfer und Rathgeber 6 die zum
Dogma erhobene Auffassung. Als «katholischen Reformator» hin¬
gegen sprachen den «Vorläufer» Luthers Kerker 6 und Dacheiix 7 an.
Sie drangen nicht durch. Selbst dem 1876 erschienenen grundlegen¬
den Werk Dacheux’ gelang es nicht 8 , « der protestantischen Legende
ein Ende» zu machen, wie zwei neuere Tendenz schrif Lehen beweisen 9 .
1 Yßl* hierzu die vortreffliche zusammenfassende Arbeit von Jos. Clauss, Kritische
Uebersicht der Schriften über Geiler von Kaysersberg, in: Historisches Jahrbuch der Görres-
gesellschaft 31(1910)485-519. 8 Siehe Clauss aaO 490. * Geilers Leben, Lehren
und Predigten, Erlangen 1826. * Geschichte der Reformation im Eisass, Strassburg 1830
Siehe Clauss aaO. 8 Anonym in Historisch-politische Blätter 48(1861) 149(1862)
Revue catholique d’Alsace 5(1863); 6(1864).
# Rtformateur catholique 4 la fin du 15« si£cle, Jean Geiler de Kaysersberg, Paris-
> Strassburg 1876; vgl. dazu die deutsche Bearbeitung von W. Lindemann, Johannes Geiler von
Kaisersberg, ein katholischer Reformator am Ende des 15. Jahrhunderts, Freiburg imBr. 1877.
9 Paul Freund, Geiler von Kaysersberg [Evangelische Lebensbilder aus dem Eisass],
Strassburg 1902. A. Lauffer. Geiler von Kaysersberg und das Deutschtum im Eisass, in: Ar¬
chiv für Kulturgeschichte 17(1927)38 ff.